Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68o Jakob Klatzkin: schaft, im Osten auch der Staat — bewußt und unbewußt in unserer Gemeinschaft zurückgehalten oder in sie zurückgeführt wurden. Groß ist die Zahl dieser Not- Juden,'der Noch-Juden und der aus äußerer Nötigung Rückkehrenden; Juden, weil ihnen der Austritt und vollends der Eintritt unmöglich oder hindernisvoll schwer oder moralisch unbequem gemacht wird. Man bedenke nur, wie viele Juden gegen ihren Willen in unserer Mitte leben; Juden, die ihr bißchen Judentum als großes Unglück empfinden, als ein Unglück, an dem lediglich der unseren endgültigen Untergang hemmende Judenhaß schuld sei; Juden, die in ihrem Wünschen und Sehnen vom Ideal des baldigen Todes unseres Volkstums erfüllt sind und den Messias von einer fortgeschrittenen Menschheit erwarten, die die Erlösung aus dem Judentum bringen, will sagen dessen Auflösung nicht mehr unterbinden wird. Neben den Hemmungen, die der Wille zur Assimilation im Gegenwillen der Wirtsvölker findet, ist noch ein inneres Motiv wirksam, das aber in einem äußeren Grunde seine Veranlassung hat: Die Verfolgungen, die Ungerechtigkeiten, die wir seitens der Wirtsvölker immerfort erdulden, schwächen allmählich den Willen zur Assimilation. Es entsteht der Trotzjude. Groß ist die Zahl der Juden von Gnaden des Antisemitismus. Wie stark also die potenzielle Assimilation, die nur noch von äußerer Gewalt niedergehalten wird. Eine Folge der Unterdrückungen sind auch unsere Wanderungen, die unsere Seßhaftigkeit in einem Land und mithin den Assimilationsprozeß unterbrechen. Man darf es mindestens bezweifeln, ob ein jüdisches Volk außerhalb der Grenzen unserer ReligionsVerfassung, d. h. ein modernes Judentum im Galuth noch heute existiert hätte, wenn die Nationen gewillt wären, uns zu absorbieren; wenn sie uns, sagen wir, vor zweihundert Jahren überall Gleichberechtigung gewährt und den Weg zur Assimilation geebnet hätten. Gleichviel, eines steht fest: Die Judenverfolgungen, die Ausnahmegesetze haben die Erhaltung eines modernen Judentums in hohem Maße begünstigt. Man vergegenwärtige sich, wie groß der Anteil unserer Feinde am Fortbestand des Judentums im Osten ist. Man ermesse den nationalen Dienst, den uns z. B. der Ansiedlungsrayon leistet. Wie mächtig wäre der Strom der Assimilation angeschwollen und verbreitet worden, wenn unsere Unterdrücker diesen Damm ihm aus dem Wege räumen wollten; wenn die Juden die Freizügigkeit erhalten und die Möglichkeit hätten, sich über das ganze Land zu zerstreuen. Wir müssen beinahe unsern Bedrängern dankbar sein, daß sie die Tore der Assimilation vor uns schließen und dafür Sorge tragen, daß unsere Volksmassen konzentriert und nicht zerstreut, abgesondert geeint und nicht zerklüftet vermischt werden; daß auch unsere biblischen Namen gewahrt und nicht durch die qualvoll ersehnte Umsetzung in Iwan, Jefim, Wassilij und dergleichen geschändet werden; daß sogar die Taufe uns nicht allzu leicht werde . . . Man untersuche es im Westen, welchen hohen Anteil der Antisemitismus am Fortbestand des Judentums und an all den Regungen und Bewegungen unserer nationalen Wiedergeburt hat. Bezeichnend ist der Ausspruch Luigi Luzzattis: Ich fühle mich nicht als Jude, aber ich bin es, sooft die jüdische Abstammung mir zum Vorwurf gemacht wird und sooft Juden verfolgt werden. Viele der Besten unter uns kehrten aus einem Gefühl des gekränkten Stolzes zu ihren Volke zurück; viele wiederum aus einem Gefühl des Mitleids mit dem gequälten Stamm. Res sacra miser.