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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 679

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1917-01-01
Page
679 (sequence 3)
Language
German
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Grundlagen des Nationaljudentunis 679 fristen: er wird ihr in der Stunde der Not beistehen, denn ihre Not ist im Galuth auch die seine. Es will also scheinen, als sei der Selbsterhaltungstrieb das Primäre in der Erhaltung des Judentums. Es scheint so, solange wir jenes Verhältnis der Wechsel- Wirkung in positiver und nicht auch in negativer Richtung beurteilen. Ist nun die Kraft der Religion gebrochen, so müssen schließlich ihre verhärteten Formen abbröckeln und jenes positive Verhältnis der Gegenseitigkeit aufgelöst werden: Der Selbsterhaltungstrieb verliert nunmehr seinen Halt in den religiösen Formen, sie wiederum verlieren hiermit ihren außerreligiösen Gehalt, der sie unbewußt ausfüllte. Es ist die gleiche Wechselbeziehung in negativer Richtung. Der nationale Daseinstrieb wandert alsdann von Surrogat zu Surrogat, irrt Zuflucht suchend in allen Notbehelfen umher, bis er zum Schatten abgezehrt, ermattet und erschlafft erlischt. Wenn er also noch die hinfällige Religion stützt und indem er ihr Stütze ist, selbst von ihr gestützt wird, so sind es eben die letzten Krämpfe des sterbenden Galuth, das Ringen der Agonie. Unsere Religionsverfassung kann nicht mehr lange ohne eigenen Nährboden ihre nationale Funktion im Exil ausüben, der nationale Selbsterhaltungstrieb wiederum kann sie nur für eine kurze Zeitspanne stärken und ihren Zusammenbruch hinausschieben. Sie haben sich in der Diaspora gegenseitig gestützt und müssen in ihr auch miteinander fallen. Ist nicht unsere Orthodoxie im Westen, die ja unbewußt vom nationalen Selbsterhaltungstrieb noch erhalten wird, bereits auf dem Wege der Assimilation? Ist sie weniger als das liberale Judentum bestrebt, die fremdnationale Kultur in sich aufzunehmen und die Verquickung mit dem fremden Volksorganismus zu ermöglichen? Jedenfalls genügt der nationale Selbsterhaltungstrieb allein nicht. Es ist eine von ihm selbst in schwerem Daseinskampf erzeugte Illusion, wenn Wortführer des Nationaljudentums sich auf ihn berufen und Zuversicht für die Zukunft des Galuth aus ihm schöpfen. Ohne die ursprüngliche Kraft der Religion hätte er es nie vermocht, unser Volkstum in Zerstreuung vor Untergang zu bewahren; er hätte uns die Kraft nicht geben können, als Märtyrer zu leben und zu sterben. Was vermag noch jetzt das nationale Gefühl, das des Inhalts entleert und der Formen bar ist und ohne Zufluß neuer Säfte bleibt? Wie soll es uns vor der Macht der fremden Wirklichkeit, die uns zu verschlingen droht, schützen können? 5- Zu den aufgezählten positiven Faktoren, die für die Lebensfähigkeit des jüdischen Volkes bestimmend sind, gesellt sich noch ein negatives Moment, das die Agonie des Galuth verlangsamt: nämlich, der Widerstand der Wirtsvölker' gegen unsere Auflösung. Zur Assimilation gehören ja zwei Parteien, zwei Willensäußerungen, die übereinstimmen: die Wirtsvölker sträuben sich aber, uns zu assimilieren. Sind wir auch ehrlich bereit, uns von ihnen verspeisen zu lassen, so verschmähen sie meistens dieses Gericht. Sie weisen unsere Annäherungsversuche zurück, stoßen uns von sich, sperren uns in sichtbaren und unsichtbaren Ghettos ab, zwingen uns zur Einigung in Absonderung; kurz, sie notigen uns, Juden zu bleiben. Es gibt gar viele moderne Juden, die durch Zwang der nichtjüdischen Gesellschaft und des Staates - im Westen ist es vorwiegend die Gesell-

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