Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 678 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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678 Jakob Klatzkin: tum bleibt hingegen an einen Inhalt als seinen Existenzgrund immer gebunden und hat ohne ihn keine Widerstandskraft. Auch kann uns die absterbende Religion nach Erlöschen ihres Inhalts keine Formen hinterlassen, die losgelöst von ihrem religiösen Kern nationale Geltung in der Diaspora erlangen dürften. Wir haben im Exil keine außerreligiöse Autorität, keine gemeinschaftsbildende Instanz, von der die Hinterlassenschaft der Religion nationale Weihe und Bindung empfangen könnte. Die Lockerung der religiösen Bande bedeutet daher im Galuth auch Lockerung all der national potenzierten Formen, die in unserer ReligionsVerfassung gegeben sind. Zweitens. Gesetzt, der Verfall der Religion sei nur Abwerfen einer Hülle. Er würde freilich unsere Zukunft nicht in Frage stellen, wäre unser Dasein von normalen Nationalgrenzen bestimmt. Unsere Entwicklung hätte keine Diskontinuität erfahren, die religiösen Formen wären evolutionistisch durch andere Lebensformen abgelöst worden. p< i Im Galuth aber ist das Abstreifen der Religionsformen eine Vernichtung unserer Nationalformen schlechthin. Welche andere Formen gibt es, die den Verlust ersetzen könnten? Es ist ein Riß, eine Unterbrechung unserer geschichtlichen Kontinuität und nicht Verwandlung; der Entformung folgt keine Formgebung, dem Ablegen kein Anlegen. Zugegeben, wir hätten vor uns, mit Achad Haam zu reden, bloß ein Zerbrechen des Gefäßes; aber das exterritoriale Judentum besitzt kein anderes nationales Gefäß, das den ausgeschütteten Inhalt aufnehmen könnte* Wenn getröstet wird: „Nur der Körper ist zerstört, die Seele aber blieb bestehen," so wird hiermit eben das Todesurteil über das Judentum im Galuth ausgesprochen. Der Körper — es ist die nationale Form, das nationale Konkretum. Wohl wurde unsere Religion nicht ausschließlich aus eigenen Kräften gespeist. Es bestand eine Wechselwirkung zwischen der Religion und dem nationalen Selbsterhaltungstrieb. Unbewußt zog die Religion Nahrung aus dem nationalen Selbsterhaltungstrieb, da sie in der Diaspora nationale Aufgaben verrichtete. Viele außerreligiöse Nationalwerte haben sich, in Ermangelung einer anderen nationalen Seinsart, in das Gefüge der Religion eingestellt. So wurden in unserer Religion Kräfte und Säfte aufbewahrt, die nicht ihr Eigentum sind. Dank dieser nationalen Dienstleistung als Behälter hat sie selbst an Lebensfähigkeit gewonnen; sie hat sich gleichsam an den ihr anvertrauten Nationalgütern bereichert. \, .^Daher konnte in Westeuropa eine sonderbare jüdische Orthodoxie aufkommen, die die religiöse Seele längst ausgehaucht hatte und nur noch eine Verzerrung der jüdischen Religion darstellt. Es ist der nationale Selbsterhaltungstrieb, der die religiösen Formen in dieser Erstarrung, die Schale ohne Kern noch erhält: da das Judentum in der Diaspora keine andere Seinsform der Besonderheit besitzt. Das nationale Bewußtsein klammerte sich, wie im ersten Kapitel ausgeführt, an die Tradition und gab ihr damit neue Impulse; indem es in ihr einen Halt fand, verlieh es ihr einen nationalen Gehalt. Eine gegenseitige Hilfeleistung, die vom Volksorganismus in seinem Daseinskampf gefordert und bewirkt wurde. Dieser nationalen Funktion verdankt die verknöcherte Orthodoxie im Westen ihre zwiespältige Existenz. Auch im Osten wird unsere Religion, wenn ihre Seele aus ihr gewichen ist, noch eine Zeitlang ein vom nationalen Selbsterhaltungstrieb genährtes Dasein