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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 675

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
675 (sequence 9)
Language
German
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Liberales Judentum im Vormärz 675 in seiner kalten Selbstsucht nichts davon träumen, daß auch er in seinen edelsten Rechten gekränkt wird. Wer von Jugend auf im Gefängnis lebte, fühlt nicht die drückende, brustbeklemmende Luft desselben; - eine freiere Atmosphäre zu atmen, dies Glück kennt er zu wenig, um sich danach sehnen, um es schätzen zu können! Solche Unglückliche muß man aus dem Schlafe aufrütteln, den schwachen Rest ihres Ehrgefühls in Anspruch nehmen, sie mit der Nase auf ihre Ketten stoßen, um sie zur Einsicht und zum Gefühl ihrer Schmach zu bringen. Wohl ist das Geschäft ebenso schwierig als traurig; wenn der Bessere aber nur nicht von vornherein am Gelingen verzweifelt, sondern jeder auf seinem Standpunkt gewissenhaft das Mögliche tut und diese Angelegenheit zur Hauptsorge seines Lebens macht, so wird das Gute vielfach gefördert, und — früh oder spät — für unsere Sache alles gewonnen werden. — Ebenso ist es ferner erforderlich, auch die einzelnen Christen über diesen Gegenstand zu belehren, da vielen derselben die Kenntnis des uns zugefügten Unrechts ganz abzugehen scheint; möge es uns zumal gelingen, denjenigen die Augen zu öffnen, die ihrer künftigen Stellung nach einst für uns wirken können. Unter Juden und Christen müssen wir uns Genossen zu dem bevorstehenden Kampf werben, die Gleichgesinnten — nah oder fern — auskundschaften, und uns mit ihnen in dauernde Verbindung setzen. — Ist's tunlich, so suche man eigne Vereine zu dem Ende zu stiften, oder wenigstens die schon bestehenden dahin zu bestimmen, daß sie ebenfalls auf die Verbesserung des bürgerlichen Zustands der Juden ihr Augenmerk richten. Wer ferner Fähigkeit und innern Trieb verspürt, schreibe gegen das Vorurteil und gegen die Advokaten verjährten Unsinns, es ist dies freilich schon oft geschehen, und alle vernünftigen Gründe erschöpft, ohne etwas zu fruchten, ich verspreche mir daher nicht viel davon; doch dürfte immerhin, wenn das Samenkorn fruchtbaren Boden findet, es bei dem einzelnen uns gute Frucht tragen, und ist der Versuch daher nicht ganz zu unterlassen. Der Zufall tut für Faule nichts, deshalb heißt's: arbeite und dann hoffe! Wo der Staat nicht die Hände bindet, denke man zugleich an eine zeitgemäße Reform, an die geistige Wieder» geburt unserer Ecclesia pressa und an Erhebung der niederen Klasse der Juden. Man suche hier wenigstens vorzubereiten; gelingen kann das Werk erst nach erfolgter Emanzipation. Wir sehen namentlich an dem Beispiel Hollands, daß mit der Wiedererteilung aller bürgerlichen Rechte das übrige sich von selbst findet. Um endlich aber diese Gleichstellung zu erringen, benutzen wir vor allem die mächtige Gärung unserer Zeit! Überall erblicken wir zwei sich feindlich gegenüberstehende Parteien: auf der einen Seite die Herrscher und Aristokraten mit ihrer Neigung zur Willkür und dem starren Festhalten an alten, vernunftwidrigen Formen; auf der anderen die Völker mit ihrem neuerwachten Kraftgefühl und der lebendigen Sehnsucht nach freierem Aufschwung. Wir müssen uns mit völliger Hingabe einer Partei anschließen, wenn wir unsere Wünsche erfüllen und das empörende Joch abschütteln wollen. Von den Fürsten haben wir nichts zu erwarten: vermöchten sie auch sich vom Vorurteil freizumachen, könnten sie sich auch in die schmerzliche Lage des schuldlos zurückgesetzten und verfolgten Juden hineindenken, das Unglück, das auf so vielen Tausenden ihrer Untertanen lastet, wurde sie höchstens zu Mitleiden rühren; aufheben aber werden sie es nicht. Ihnen scheint jede geistige Freiheit verderblich, also auch die der Religionsmeinungen. Ganz anders verhält es sich mit der Volkspartei. „Vernichtung jedem Vorurteil, Krieg jeder unnützen Freiheitsbeschränkung" heißt hier die Losung. Unter dieses Banner 47*

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