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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 674

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
674 (sequence 8)
Language
German
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674 Gustav Mayer: sind nur wenige, denen ich mich anvertraut, — ist nur einer, der mit mir den bitteren Schmerz unserer demütigen Lage lebhaft fühlt, und dieser eine ist ein — Christ (Hobrecht) .... Ich für mein Teil habe mit meinem Schicksal abgerechnet und bin über meine Wünsche und Ansprüche im klaren. Die Lebensrichtung, die ich unter andern Verhältnissen genommen, ist mir nun einmal verrückt und verpfuscht: ein Opfer des krassen Vorurteils, habe ich dem Kampf gegen dasselbe mein Leben geweiht, und halte jeden Augenblick desselben für verloren, in dem ich nichts dafür tun kann. Nach reiflicher Prüfung bin ich zur Überzeugung meiner guten Sache gelangt: ich habe lange über die verschiedenen Religionen nachgedacht und finde in dem von Rabbinersatzungen gereinigten Judentum noch immer mehr Genüge für meinen Geist als im dermaligen Christentum. Denn ersteres steht der — nach meiner Idee — höchsten menschenwürdigsten Religion, dem reinen Deismus um vieles näher. In diesem Glauben werden in Zukunft vielleicht alle Menschen sich vereinigen, wenngleich, solange Auffassungsvermögen und Kulturstufe bei den einzelnen Menschen verschieden bleiben, auch immer verschieden höhere oder beschränktere Vorstellungen vom höchsten Wesen und unserm Verhältnisse zu demselben fortbestehen werden. Bis zum Allgemeinwerden dieses Deismus aber scheint es mir eben Bestimmung des Judaismus zu sein, dem überhand nehmenden Gefühlsschwindel des Christentums auf alle mögliche Weise entgegen zu arbeiten. Und vieles ist in dieser Hinsicht schon gefördert. Wie nahe stehen in ihren Ansichten Rationalisten, Thomaschristen, Unitarier usw. dem vorurteilsfreien, vernünftigen Judentum; wie würden sie sich noch um vieles näher stehen, wenn dem Streben der Juden nach Verbesserung und zeitgemäßen Reformen nicht vom Staat so viele Hindernisse in den Weg gelegt würden! Ich erinnere nur an das Verbot, deutsche Predigten in der Synagoge zu halten, an die gewaltsame Schließung der Jacobsonschen Schule*); — und auch dem Tempelverein von Hamburg steht ein ähnliches Schicksal bevor. Nur durch Verstopfung der Quelle kann allen diesen Übelständen abgeholfen, und eine bessere Zukunft herbeigeführt werden, und so werden wir wieder darauf zurückgeleitet, daß vor allem Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden, völlige Emanzipation zu erringen nottut. Wir kennen demnach Krankheit, Ursache und Heilmittel; nur wie man zu letzterem gelange, ist noch die Frage ... .Vor allem scheint es mir nötig, sich in der Lage der Sache zu orientieren, zuerst sich selbst und dann andere über den sittlichen, intellektuellen und bürgerlichen Zustand der Juden (im allgemeinen wie in den einzelnen Staaten) genau zu unterrichten. Daß so viele Juden aus Mangel an Interesse hierin völlig unwissend sind, lehrt leider! die tägliche Erfahrung. Ist solchen Leuten in ihrer Haut nur wohl, so lassen sie sich die schimpfliche Stellung der Glaubensgenossen wenig zu Herzen gehen: und wenn sie ja dabei etwas empfinden, ist es höchstens die Trauer einer Stunde, nicht der durchs Leben gehende Schmerz, der allein zum ^tätigen Widerstand anreizt. Der Kaufmann kümmert sich wenig um die Zurücksetzung und Ausschließung von Ehrenstellen, Staats- und Lehrämtern, denn er strebt nach allen diesen nicht; läßt man ihn doch ungestört seinen Handel treiben und im völligen Genuß seiner Eherechte, essen, trinken und sich fortpflanzen; damit ist er zufrieden und läßt sich *) Der von Israel Jacobson und dem Bankier Herz Beer in Berlin errichtete Privattempel mußte auf königlichen Befehl 1823 geschlossen werden.

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