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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 673

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
673 (sequence 7)
Language
German
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Liberales Judentum im Vormärz 673 ahnte einen des Kampfes würdigeren Preis. Das Studium meiner Wissenschaft zerstreut, aber befriedigt mich nicht, reizt meinen Lebenshunger, ohne ihn zu stillen. Wer nur seinen Beruf als Arzt erfüllt, hat sicher seine Aufgabe nur zum Teil gelöst! Als Mensch für eigne und anderer Vervollkommnung zu wirken, für die gute Sache seiner Überzeugung zu streiten, mit freudiger Aufopferung aller sonstiger Interessen dem geistigen Wohle der Menschheit seine Kräfte widmen, das ist der erhabene Zweck unseres Daseins. Wie beengt es aber die Brust, wenn wir von diesen hohen Regionen unserer Ideen auf die verflachte Wirklichkeit den Blick werfen, wenn wir in dieser unsere Kräfte so ohnmächtig, unsern Standpunkt so beschränkt, und vor allem den Weg durch ein leidiges Vorurteil uns überall versperrt sehen. Allein hier ist es eben, wo wir Hand anlegen müssen: können wir nicht nach dem Höchsten streben, so wollen wir wenigstens die Hindernisse wegzuräumen suchen, sei es für uns oder erst zum Besten unserer späten Nachkommen. Durch Rede und Tat gegen Unterdrückung anzukämpfen, ist uns eine heilige Pflicht, damit endlich der bejammernswerte Zustand einer lange verachteten und zum Teil dadurch verächtlich gewordenen Klasse verbessert, und das einzige Mittel hierzu — bürgerliche Gleichstellung — errungen werde. Die Scheidewand muß fallen, die ein krasses Vorurteil aufgeführt und zur Schande unseres Jahrhunderts unterhält. Wer — Jude oder Christ — einen Stein herausreißt und dadurch zu ihrer Zertrümmerung beiträgt, hat ein verdienstliches Werk getan. Diese Überzeugung wie der Entschluß, für diese zu handeln, hatte sich schon früh bei mir festgestellt. Ich wurde zuerst durch den Schmerz dahin geleitet, den auf der Universität die kränkende Ausschließung der Juden von der *) wohl in mir erregte. Als Fuchs mußte ich meinen Ingrimm verbeißen und schweigen. Kaum aber war die Zeit der Unmündigkeit vorüber, so trieb mich der innere Unmut, alles zur Vernichtung des ungerechten Kommentgesetzes aufzubieten. Freilich waren dies nur Stürme in einem Glas Wasser, zugleich aber — ein Spiegel der Zukunft, die unser harrte. Welche Freude, als endlich unsern vereinten Kräften das Zerstörungswerk gelang, alles wähnten wir erreicht und abgetan. Doch nur zu bald folgte die Enttäuschung: wir traten ins Leben und wurden gewahr, daß es nur Knabengefechte gegen Distelköpfe gewesen, daß statt des aufgehobenen hundert ähnliche Gesetze uns Hohn sprachen, daß gegen diese neuen Beschränkungen wir uns nicht einmal auflehnen dürfen. Mit bürgerlicher Unfähigkeit geschlagen, sehen wir uns von allen Ehrenstellen, Staatsämtern, selbst von Lehrstühlen ausgeschlossen; nicht einmal Offizier, Torschreiber, Feldmesser, Apotheker, Kalkulator, Briefträger, Sekretär kann der Jude werden. Überall wird er in der Entwicklung seiner Fähigkeiten gehemmt, in dem ungestörten Genuß der Menschen- und Bürgerrechte gekränkt, und überdies noch — als natürliche Folge hievon — der allgemeinen Verachtung preisgegeben. Und dennoch — wahrlich! es ist kaum glaublich — gibt es Juden, die noch nicht einmal zur Einsicht der ihnen zugefügten Unbill, zum Gefühl ihrer Schmach und zur Sehnsucht nach Freiheit gelangt sind. Die meisten haben durch die gewohnte Kettenlast eine so hartschwielige Haut bekommen, daß sie den Druck weder empfinden noch los zu werden streben---- Unter meinen Bekannten *) Hier war in dem mir vorliegenden Briefkonzept ein Wort unleserlich. Aber der Sinn ist klar: Jacoby erreichte gegen heftigen Widerstand der Korps die Abschaffung der Einrichtung, daß bei den Studentenbällen kein Jude an der Spitze stehen durfte. Heft 10. 47

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