Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Liberales Judentum im Vormärz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 672 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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672 Gustav Mayer: aufdämmernden Frohsinn erstickte; beim besten Willen konnte ich nicht wieder zu Heiterkeit kommen, sondern saß still und in mich gekehrt im Kreise derer, die von jedem Argwohn fern sich mit offener Herzlichkeit einander hingaben. Dies unheimliche Gefühl, wie die plötzliche Veränderung mußte mich dann gezwungen erscheinen lassen, mein schroffes Zurückziehen den Fröhlichen abstoßen, und alles dies auf mich und andere einen höchst störenden Einfluß ausüben. — Oft habe ich über Ursache und Folgen dieser Erscheinung nachgedacht, und gefunden, — daß ähnliches gewiß jedem gebildeten und edlerdenkenden Juden begegnet, sobald er sich über seine unnatürliche Stellung zur Mitwelt aufrichtige Rechenschaft gibt. Der Gedanke: Du bist ein Jude! ist eben der Quälgeist, der jede wahre Freude lähmt, jedes sorglose Sichgehenlassen gewaltsam niederdrückt! Durch die Staatsgesetze von äußeren Ehren und so vielen Rechten ausgeschlossen, in der Meinung seiner christlichen Mitbürger niedriger gestellt, dies wenigstens stets (und wer kann es ihm verdenken?) argwöhnend, — fühlt der Jude sich durch fremde Überhebung gedemütigt, und ist so nur zu sehr geneigt, in jeder unschuldigen Äußerung eine Kränkung zu befürchten. Wie kann er sich harmlos oder wahr zeigen, da er jeden Augenblick ängstlich auf sich aufpassen muß, um nur ja nicht als Jude (im Sinne der Christen genommen) die ihm — als Einzelnem — gewordene Achtung aufs Spiel zu setzen? Und ist er selbst unter Christen, die sich von dem mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteil freigemacht, sich nicht besser dünken als der beste Jude, doch kann er sich des Mißtrauens nicht erwehren: eben weil er Gespenster glaubt, sieht er sie. — Je mehr er so durch sein scheinbar-unwahres Benehmen auf die Liebe der anders glaubenden Mitmenschen Verzicht leisten muß — denn nur das Herz gewinnt ein Herz, nur Vertrauen erzeugt Vertrauen —, desto eifriger strebt er wenigstens die Achtung derselben sich zu erkämpfen und festzuhalten. Aus dieser Quelle lassen sich die meisten Eigentümlichkeiten und Fehler herleiten, die man nicht ohne Recht gemeinen und gebildeten Juden zum Vorwurf macht. Mit aller Geistesanstrengung reagiert er — nur freilich oft zur Unzeit —, um seiner gekränkten Menschenwürde nichts zu vergeben, um sich und andern nicht etwa niedriger zu erscheinen. Erbitterung über wirkliche oder vermeintliche Zurücksetzung — Furcht vor dem Schein zu großer Demut läßt ihn in das andre Extrem verfallen, in Egoismus, Hochmut und Selbstüberschätzung. Zugleich aber (um nicht bloß bei den Schattenseiten zu verweilen) — wird durch solche von Jugend auf geübte Opposition, gleichsam durch die stete Antreibung, der Geist schärfer, lebhafter und mehr entwickelt: ein Vorzug, der leider! mit zu großen Opfern erkauft wird. Denn als Resultat des Ganzen steht einmal fest, daß der gebildete Jude zwar die Achtung seiner christlichen Umgebung genießt, aber nie ihre Liebe erwerben kann. Schon als Jüngling empfand ich den heftigsten Unwillen über die schmähliche Erniedrigung, in welcher wir Juden leben. Dies peinigende Gefühl verleidete mir die Freude des geselligen Lebens, für die ich jedoch in den Träumen einer besseren Zukunft reiche Entschädigung fand. Je älter ich aber wurde, desto weniger konnten mir die schönen Träume genügen: ich fühlte eine Leere im Innern, welche auszufüllen ich mich innig nach Gelegenheit zu Taten sehnte. Sollte das Leben nicht in etwas anderm bestehen, als in dem bloßen Wechsel von Essen und Verdauen, von Anstrengung und Vergnügen; sollte wissenschaftliches Streben und gegenseitiger Austausch von Liebe und Freundschaft schon das höchste Ziel desselben sein? Ich