Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Liberales Judentum im Vormärz
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 671 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Liberales Judentum im Vormärz 671 nigsberger Arzt, der bereits als Student in seiner Vaterstadt den jüdischen die völlige Gleichberechtigung mit den christlichen Kommilitonen erstritten hatte*). Ostpreußen war damals bekanntlich die einzige Gegend Norddeutschlands, wo die liberalen Zeitideen bis zu den obersten Landesbehörden hinauf in breitem Maße auf die Geister Einfluß gewonnen hatten. Selbst der Adel des Landes, der auf der Albertina zu Kants Füßen gesessen hatte, war in seinen besten Söhnen jenen freien Ideen zugetan, die in dem Oberpräsidenten Theodor von Schön, dem berühmten Mitarbeiter des Freiherrn von Stein in der Ära von Preußens Wiedergeburt, ihren mächtigen Beschützer fanden. Diesen liberalen Kreisen, denen Jacoby völlig zugehörte, galt Antisemitismus als eine rückständige, überlebte Gesinnung; und die Jugend der Beneckendorf von Hindenburg, der Keudell, Eulenburg und Brünneck titulierte den ob seiner Charakter- und Geisteseigenschaften allgemein geschätzten jungen Arzt als Freund und Bruder. Johann Jacobys Rolle im preußischen Verfassungskampf gehört der Geschichte an, sie braucht hier nicht umrissen zu werden. Damals hat Arnold Rüge die „Vier Fragen eines Ostpreußen", die, wie man weiß, an der Schwelle jener Bewegung stehen, die in der Märzrevolution gipfelte, dem berühmten „Qu'est ce que le tiers etat?" des Abbe Sieyes an die Seite gestellt**). Die Leser dieser Zeitschrift interessiert stärker das Verhältnis dieses Vaters der preußischen Demokratie zum Judentum. Bekannt ist wohl, daß er Seite an Seite mit Moritz Veit, Gabriel Riesser, Wilhelm Freund u. a. für die Gleichstellung seiner Glaubensgenossen in die Schanze getreten ist. Aber noch bei jedem deutschen Politiker jüdischen Ursprungs erschloß erst die genaue Kenntnis seiner Erlebnisse als deutscher Jude das intime Verständnis für die Ausgestaltung seiner Gedankenwelt, für die Richtung seines öffentlichen Auftretens, für die Entwicklung seines Charakters. Von Johann Jacoby sind bisher meines Wissens solche intimen Bekenntnisse, wie sie die beiden nun folgenden Briefe enthalten, nicht bekannt geworden. Konfessionen wie diese bedürfen keines näheren Kommentars. Ihre Wirkung ist ihnen gesichert. Der Adressat des ersten Briefes ließ sich nicht mit Sicherheit bestimmen, nur der Vorname Jacob deutet, was aber auch der Inhalt erkennen läßt, auf seine jüdische Abstammung. Der zweite Brief ist an den Rittergutsbesitzer Alexander Küntzel gerichtet, einen angesehenen Liberalen, der im Revolutionsjahre auch dem Parlament in der Paulskirche angehört hat. Am Abschluß dieser kurzen Ausführungen, die nur den beiden Briefen als Rahmen dienen sollten, stehe ein bisher nicht gedrucktes Wort Johann Jacobys, das die Lauterkeit seines politischen Charakters, an dem übrigens weder Freund noch Feind jemals gezweifelt haben, in hellem Lichte erstrahlen läßt: „Es ist zum verzweifeln," schrieb der Siebenundzwanzig jährige am 3. März 1832 seinem Vetter Eduard Waldeck, „daß ich jede Dummheit und Miserabilität der Zeit (und ihre Zahl ist Legion) so schwer trage, als träfe sie nur mich und nicht zugleich viele Millionen Mitmenschen." Jacoby an Jacob? Königsberg, 10. Juli 1832. Mitten unter frohen christlichen Genossen fühlte ich mich oft plötzlich durch ein dunkles Gefühl beklemmt, das meine Brust gewaltsam einengend, den kaum ~*) Dr. Jacoby, Über das Verhältnis des Königlich Preußischen Oberregierungsrats Herrn Streckfuß zur Emanzipation der Juden, Hamburg, 1833. *♦) Ruges Briefwechsel und Tagebuchblätter, Bd. I, S. 220.