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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 670

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
670 (sequence 4)
Language
German
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670 Gustav Mayer: gering und gerecht ist unsere Forderung! — wieder zum ungekränkten Menschen- und Bürgerrechte zu gelangen." Im Gegensatz zu heute bildete die, wie man meinte, freiwillige Absonderung der Juden ein Hauptargument jener, die ihnen damals volle bürgerliche Gleichstellung vorenthielten. Schon Fichte hatte in den Beiträgen zur Berichtigung der Urteile über die französische Revolution darauf hingewiesen, daß die Juden, wie auf der anderen Seite der Adel, noch ein Staat im Staate bleiben wollten*), und sogar einem Kämpen des Rationalismus wie H. F. G. Paulus hätte nur die Taufe der Juden die Garantie dafür erbringen können, daß sie der deutschen Nationalität bedingungslos angehören wollten. Erst recht legte natürlich alles, was romantisch und historisch empfand, die Konservativen jeder Schattierung, den Nachdruck auf den nationalen Unterschied. Sollte die Gesetzgebung den „Absonderungstrieb" der Juden, von dem Friedrich Wilhelm IV. meinte, daß er nun einmal die naturgemäße Grundlage ihrer geschichtlichen Existenz sei, stützen, oder sollte sie ihn bekämpfen und durch Hinwegräumung aller Ausnahmebestimmungen allmählich zu beseitigen trachten? So stellte sich die Frage, über welche die Geister sich schieden, damals. Am stärksten empfand doch jene jüdische Oberschicht, die in den Reihen des Liberalismus für die freiheitliche Ausgestaltung des deutschen Vaterlandes kämpfte, es als brennende Schmach, daß ein Bevölkerungsteil, der in den Freiheitskriegen so gut wie die anderen sein Blut für Deutschland hingegeben hatte, noch immer auf die Gewährung der vollen Gleichstellung warten mußte. Für die Empfindlichkeit, mit der diese an der Spitze des Kampfes für die Gleichberechtigung stehenden Elemente jedem Einspruch gegen die sofortige Erfüllung ihrer Forderung begegneten, ist die Aufnahme charakteristisch, die eine 1833 erschienene und sogleich lebhaft besprochene Schrift des Oberregierungsrats Karl Streckfuß, des bekannten Übersetzers Ariosts und Dantes, fand. Dieser bekämpfte nicht etwa die Emanzipation an sich, sondern er erhob nur in vornehmer Form und auf Grund von immerhin ernsthaften Erwägungen das Bedenken, ob diese Maßnahme, der die Mehrzahl der öffentlichen Meinung sich feindlich entgegenstellte, nicht im Interesse der Deutschen wie der Juden zunächst besser auf jene Elemente zu beschränken sei, die sich durch das Ritualgesetz nicht mehr in einer Form für gebunden erachteten, die er mit den im christlichen Staat bestehenden Verhältnissen für schwer vereinbar hielt. Die unzweifelhafte Loyalität, mit der Streckfuß seine Ansicht vertrat, erwies sich darin, daß er elf Jahre später unter dem gleichen Titel eine zweite Broschüre**) veröffentlichte, die nunmehr die sofortige und ausnahmslose Emanzipation aller deutschen Juden verlangte. In der Zwischenzeit war er nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß nur die anhaltende Unterdrückung der Juden ihnen ihre Nationalität durch die Jahrhunderte hindurch gerettet habe, und, da er ihre Auflösung in die übrige Volksgemeinschaft wünschte, so forderte er nunmehr die schleunige bürgerliche Gleichstellung. Jenes erste „unverschämte Libell"***) aber veranlaßte Johann Jacoby zu einer scharfen Gegenschrift, den Kö- *) Fichtes Werke, Bd. 6, S. 149 f. •*) Karl Streckfuß, Über das Verhältnis der Juden zu den christlichen Staaten, Halle 1833; zweite Schrift, Berlin, 1843. ***) Jacoby in einem ungedruckten Brief an seinen Vetter Dr. Eduard Waldeck in Berlin vom 10. August 1833.

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