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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 669

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
669 (sequence 3)
Language
German
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Liberales Judentum im Vormärz 669 ließ, hielten sie an der Religion ihrer Väter fest und interessierten sich häufig sogar für die Modernisierung ihres Kultus, die Veredelung ihres Gottesdienstes. Solche Bestrebungen scheiterten dann freilich in Preußen bald an dem Widerstand der Regierung, die allen Ernstes die Anziehungskraft fürchtete, die eine aus der jüdischen geborene „philosophische Religion" auf die gebildeten Christen hätte ausüben können. Es lag in der Natur der Sache, daß jene dem deutschen Liberalismus anhängenden jüdischen Politiker sich in dem Kampf für „Recht, Ehre und menschliche Würde", den sie führten, unmöglich darauf beschränken konnten, das Los ihrer engeren Stammesgenossen zu verbessern. So sehr wie als Juden litten sie als Deutsche darunter, daß reaktionäre Regierungen ein mündig gewordenes Bürgertum straff und ängstlich am Gängelbande hielten. Wie die bürgerliche Gleichstellung der Juden einen hervorragenden Platz im liberalen Programm des Vormärz einnahm, so standen diese ganz im deutschen Geist erzogenen jüdischen Politiker, die sich an der Entfaltung ihrer persönlichen Kräfte durch die geltenden Gesetze so mannigfach behindert sahen, in der ersten Reihe jener oppositionellen Publizisten, die zum Kampf gegen veraltete Einrichtungen aufriefen. Fortschrittsgläubig, wie sie alle waren, trauten sie dem deutschen Volke die Kraft zu, „das Bessere zu begründen" und wollten sich „das verweste Alte" nicht mehr gefallen lassen. Schon weil die Gesetzgebungen der deutschen Staaten die Ausschließung der Juden von der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung nirgends mit ihrer Abstammung, sondern überall mit ihrem Bekenntnis begründeten, konnten diese Männer nur eine religiöse, nicht eine nationale Verschiedenheit zugestehen. Als Nation waren die Juden für Gabriel Riesser seit zweitausend Jahren untergegangen. „Wo ist das andere Vaterland", so fragte er, „das uns zur Verteidigung ruft? Wir sind nicht eingewandert, wir sind eingeboren, und, weil wir es sind, haben wir keinen Anspruch anderswo auf eine Heimat, wir sind entweder Deutsche oder wir sind heimatlos. Oder will man im Ernste die ursprünglich fremde Abkunft gegen uns geltend machen? Will man zivilisierte Staaten auf das barbarische Prinzip der Autochthonenschaft zurückführen? Diese Fragen bedürten keiner Antwort"*). Sollten aber unter Tausenden einige sein, die es vorzögen, „einer nicht existierenden Nation anzugehören," so ist Riesser ganz damit einverstanden, daß man diese unter polizeiliche Aufsicht stelle: „nicht der Gefährlichkeit ihrer Ansicht wegen, sondern weil eine starke Vermutung für Verrücktheit vorhanden wäre"**). Genau wie Riesser empfand und dachte Johann Jacoby. Auch ihm waren die Juden „ein bloßer Glaubensverein", auch ihn empörte es, wenn man sie als eine Nation behandelte***). Dem beliebten Einwand gegen die Emanzipation, daß sie in Deutschland Fremdlinge seien, da sie ja auf den Messias warteten, tritt er vom Boden seines kantischen Judentums mit Feuer entgegen: „Unser Messias", ruft er aus, „ist — die Wahrheit, welche immer mächtiger an altverjährten Vorurteilen und mittelalterlichen Satzungen rüttelt, und über kurz oder lang uns frei machen wird; nach Palästina zurückzukehren begehren wir nicht, wir streben nur - wie *) Gabriel Riesser, Verteidigung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden gegen die Entwürfe des Herrn Dr. H. E. G. Paulus, Altona 1831, S. 38L **) Ebendort S. 40. ***) Jacoby, Über das Verhältnis des Königlich Preußischen Oberregierungsrats Herrn Streckfuß zur Emanzipation der Juden, Hamburg, 1833, S. 18.

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