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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 668

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Liberales Judentum im Vormärz
Date
1917-01-01
Page
668 (sequence 2)
Language
German
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668 Gustav Mayer: dein solle. Wie stark damals dieser Gesichtspunkt die Gemüter erregte, lehrt bereits ein flüchtiger Blick auf die jüdische und nichtjüdische Publizistik, welche die Frage der bürgerlichen Gleichstellung der Juden, als sie brennend wurde, behandelte. Noch in jedem Zeitalter war die soziologische Beurteilung des geschichtlichen Unikums, das sich im Judentum erhalten hat, von den allgemeinen Ideen, die eben Gültigkeit hatten, abhängig. Und dieses Urteil wurde, wie in der Gegenwart und wie vor tausend Jahren, auch in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bei Freund und Feind durch die Auffassungen bestimmt, die man sich über die politischen und religiösen Grundfragen sowie über die allgemeinen Normen menschlichen Zusammenlebens bildete. Aufklärung und Romantik waren die großen Mächte, die sich damals im Geistigen als Weltanschauungen gegenüberstanden, Liberalismus und Konservativismus die Formen, in denen jene Gegensätze sich politisch ausrichteten. Seitdem Moses Mendelssohn die Pforten der deutschen Judenviertel von innen aufgeriegelt hatte, wurde dieser Gegensatz, der natürlich auch im Judentum bestand, hier von den Inhalten des gleichen Gegensatzes im deutschen Geistesleben aufs unmittelbarste beeinflußt. Bei den jüdischen Romantikern ließen sich zwei Richtungen unterscheiden, zwischen denen eine unüberbrückbare Kluft bestand, die eine, die aus Anhänglichkeit an die Jahrtausende alte Überlieferung sich der Germanisierung des Gottesdienstes wie der Lebensformen entgegenstemmte, das waren die Orthodoxen, damals die Romantiker des Judaismus; die andere ließ sich unter Preisgabe der krausen Inhalte der Ghettokultur von der ihr nun erst erschlossenen deutschen Dichtung und Musik, die eben ihre höchste Blütezeit erlebten, widerstandslos bezaubern, und ihre jüdische Gefühlswelt, die sich so lange in unerfüllten Schönheitsträumen erschöpft hatte, ging nun unter in der Mystik des deutschen, des christlichen Mittelalters. Wohl verlor das Judentum damit erlesene Geister für den Kampf um die politische und soziale Gleichberechtigung. Aber zumeist waren es doch zarte, religiös und mystisch gestimmte Persönlichkeiten, Künstler und hochstrebende Frauen, deren Seelen auf diese Weise ungestüm den nächsten Weg zur Sonne suchten, ohne daß der Gedanke an jene grauen Scharen, aus denen sie emporstiegen und die sie ihrem Schicksal überließen, über sie Macht gewann. Die zur Führung begabten Kämpfernaturen gehorchten in ihrer Mehrzahl anderen Sternen. Sie bezwang der Glaube an die ewigen Menschenrechte, dem die amerikanische Freiheitsbewegung und die französische Revolution*) zuerst politischen Ausdruck, Nathan, Iphigenie, Posa hinreißendes dichterisches Leben, Kant endgültige philosophische Form gegeben hatte. Weil sie aber als Liberale auch Individualisten waren, so war ihr Geist nicht so sehr geschichtlich wie rationalistisch orientiert. Und das bestimmte ihre Stellung zum Judentum. Glühend wünschten sie, jedem einzelnen deutschen Juden das volle Menschen- und Bürgerrecht zu erkämpfen. Die Zukunft der Juden in Deutschland lag ihrem Interesse nahe, aber die Zukunft der jüdischen Religion stand ihnen schon in zweiter Linie, und vollends fehlte ihnen jedes Gefühl für die Zukunft einer jüdischen Nation, deren Vorhandensein sie leugneten. Da sich die freie Gottesanschauung, der sie huldigten, mit einem aus dem Zeit-, nicht aus dem Volksgeist begriffenen Judentum noch am ehesten vereinigen *) Gabriel Riesser beruft sich z. B. in seiner Schrift gegen Paulus ausdrücklich auf Washington, Franklin, Thomas Payne wie auf Mirabeau, Bailli, Condorcet!

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