Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Von deutschen Jüdinnen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 663 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Von deutschen Jüdinnen 663 Ruhepol, nicht Wesenseinheit schon in sich, nach der sie in aller Geschäftigkeit doch nur sich sehnen. Anders bei diesen Jüdinnen: bei ihnen schlägt sich nach innen, was bei den Männern in hastige Arbeit ausströmt. Die Jüdin wird unsicher im Gefühlischen; das Leben ist ihr keine froh naturgegebene Gegenwart, sondern eine drängende, drohende Aufgabe, die schwer und unbegreifbar lauernd draußen vor der Seele liegt. Schmerzlich im tiefsten erscheint alles, was sie erlebt, von einer manchmal zarten, manchmal bitteren Trauer umsponnen: Jugend — die Zeit voll quälender Rätsel und mangelndem Körpergefühl; Liebe — ein leises resigniertes Hingeben oder eine im tiefsten zitternde, verzweifelnde Ekstase. Groß werden diese Frauen im Leiden, im stummen Verstehen und in der nie aufhörenden, aber dennoch schon fast aufgegebenen Arbeit. Das ist ihr Erbteil von der Seele und dem Schicksal des Judenvolks. „Unharmonisch" sind sie, wie jener Freund sagte, und es ist nicht erheiternd, sich mit ihnen zu unterhalten. Denn es kommt einem vor, als ob sie die einfachsten Dinge schwer nähmen, ihnen nicht eine weibliche Rundung zur frohen Gegenwärtigkeit gäben, sondern einen dumpfen Ton, in dem der tragische Ernst dieser Welt immer mitschwingt. Und dies erscheint auch als Grund, weshalb so viele junge Juden sich von ihnen wenden: sie geben den Gegenwarts-, den Einheitssehnsüchtigen nicht die heitere Fülle, nicht die wesenssichere Lebensbejahung, wie sie von deutschen Mädchen oft ausgeht. Diese Jüdin ist an ihrem Körper und in sich selbst zu sehr heimgesucht vom Schicksal des Judentums, um einem gleich Unsteten göttliche Freude der Gemeinschaft geben zu können. Sie ist zugleich aber zu sehr Mensch schon eigener Regung, um geeignetes Objekt für erotisches Herrentum noch zu sein. Daher die Entfremdung zwischen jungen jüdischen Menschen, daher vielleicht auch die Versachlichung der Ehemotive, Aber es gibt noch eine andere Art von westlichen Jüdinnen, die unsere Zukunft' trüben, und diese mehren sich in unseren Tagen erschreckend aus den Reihen der eben Umschriebenen. Sie sind noch weiter vom Wesen des reinen neuen jüdischen Menschen entfernt als jene verderbten Töchter des Geldes, denn die beseelt wenigstens oft noch Leidenschaft, wenn auch zur Sinnlichkeit nur und Genuß. Diese aber werden glatt und ihre Wesenheit entgleitet. Das ist der Typus, wie man ihn jetzt so häufig unter den Töchtern des jüdischen Großstadt-Mittelstandes findet. Meist haben sie ein ebenes Gesicht von einer gewissen blasierten Hübschheit, eine sehr schlanke, schmale Gestalt, modisch geschnittene Kleidung mit einem leichten, feschen Schwung; alles an ihnen erscheint ein wenig ziseliert, bisweilen mit einem Stich ins Manierierte. So ist auch ihr Wesen. Kein Feuer, keine Leidenschaft, keine Begeisterung oder schöner Ernst; alles ist geglättet. Den Dingen, mit denen sie sich befassen — und sie haben für vielerlei ein bewegliches Interesse — werden alle schärferen Ecken abgeschliffen; ihnen wird alles zur Konversation. Soziale Probleme werden ebenso wie Regungen der Seele mit ein bißchen Tätigkeit (soziale und Berufsarbeit) in den Wind geschlagen; sie verlieren — das ist bezeichnend — ein natürliches Verhältnis zu Kindern, zur Landschaft, zur Einsamkeit. Die Kunst dient ihnen zur Erhöhung persönlicher Behaglichkeit nur; Vorliebe für Operette und Kino kennzeichnet sie. Sehr rationalistisch und geschäftig gleichen sie jenem von uns so bekämpften Typ des modernen Großstadtjuden; so wird auch Liebe ihnen ein veräußerlichtes Spiel, ein Flirt, eine Körpertechnik. Diese Jüdinnen, die vermöge ihres spielenden Intellektes alles berühren und den sozialgleichen Christinnen