Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Von deutschen Jüdinnen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 664 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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664 Franz Sachs: Von deutschen Jüdinnen meist an Vielseitigkeit, Schick und Gesellschaftstalent überlegen sind, bringen einen gefährlichen femininen (d. i. nicht: weiblichen) Einschlag in unser Leben. Denn wenn die Frauen seelenlos werden, wird leicht auch den Männern das Leben gleichgültiger, ohne Heiligung und Ewigkeit, welche die Verbindung mit dem Mütterlichen und Natürlichen in Frauen sonst gewährt. Sie wirken dekorativ, diese Jüdinnen, und tragen so zur Versachlichung und Verflachung der Lebenswerte bei. Wenn du mit ihnen sprichst, so ist es, als ob du eine bunte Glasperlenkette in der Hand hast, die in der Sonne blitzende Kristallstrahlen aussendet; sobald du aber schärfer zusiehst, von der ,,Wirkung" ab auf das Wesen, ist alles von einer faden, farblosen Glasigkeit. Wo ist der Ort, wo sie ruhen? Wo das, worin ihr Wesen verankert ist? Wo ist der Quell, aus dem sie Kraft und Freude schöpfen? Wo brennt das Licht, das all ihr Wesen durchleuchtet? Die Religion oder eine jüdische Volksgemeinschaft ist es für sie nicht mehr. Sie wissen meist sehr wenig nur davon. Aber auch ihr Beruf ist ihnen nicht Wesenszentrum; ich meine nicht den Beruf des Weibes, zu dem ihre Körper schon schlecht erzogen sind, sondern den wirtschaftlichen. Denn gerade diese Jüdinnen haben alle irgendeine Tätigkeit, sind Sekretärinnen, Bureau- und Geschäftsfräuleins, Kunstgewerblerinnen und Studentinnen. Sie gerade sind es, die den bedenklichen Weg der Frauenemanzipation mitmachen, gestern noch Mädchen ihres Volkes, — Arbeitstiere und „Staatsbürgerinnen*1 von morgen, Haben wir Juden in dem Leben und Land der Erneuerung, um das wir ringen, solche Bürgerinnen nötig? Nicht nur des Geburtenrückgangs wegen bedürfen wir des Mütterlichen, wahren Mädchentums. Denn unsere von dieser zwiegespaltenen Welt zerrissene Seele verlangt nach Menschen wieder, klar und schön und in sich eins. Werden solche Jüdinnen uns erstehen, werden die wenigen, mit denen jetzt wir schon die neuen Wege gehen und gehen könnten, nicht durch die Entwicklung zu Intellekt und Berufen hin ihrer tiefsten Weiblichkeit entfremdet werden? Hier ist die Stelle, wo ein Wort gesagt werden muß, das unter Geistigen und unter Juden insbesondere gern verpönt wird: Gesundheit! Der Weg zur neuen Jüdin führt über die Gesundung. Hier liegt die mächtige Bedeutung, welche die junge Wanderbewegung (weniger das Turnertum) für das Judentum gewinnen muß. Wandert, Mädchen, findet in der schönen Einsamkeit der Wälder und der Seen eure Freiheit, eure Seele, euren Körper wieder und die Natur, die eure Natur zugleich ist. Schafft Wanderbünde und habt den Mut zu eurer Jugend! Das ist der einzige Weg, «denn diesmal heißt es: wo kein neuer Körper ist, da ist kein neuer Geist. Und mögen jene Eheschließungssünden unserer Eltern, die lieblos schwächliche Kinder zeugten, noch nicht für immer eine schöne freie jüdische Mädchenschaft vernichtet haben. Denn es gibt einen Zustand der Körper, da selbst ein erneuernder Geist nicht mehr helfen kann, weil das Morsche und Häßliche lähmt. Noch haben wir Hoffnung, aber diese junge Generation ist die letzte, die gesunden kann: das denke jedes jüdische Mädchen; das denke jeder jüdische Mann, der eine Ehe schließt! — Ein dunkles Bild mußten wir heut entrollen, weil Beschönigung und literarischer Optimismus nichts fruchten. Von den neuen Jüdinnen, die unter uns schon leben, zu reden, geziemt uns nicht. Sie sind unsere Freundinnen und unsere Zuversicht. An ihnen hängt unser Glauben, wenn wir wahrhaft Volkstum denken. Das sollen sie wissen und aufstehen und ihre Schwestern führen. Im Felde Franz Sachs