Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 660 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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66o S. A. Horodezky: Die Chabader Chassidim unterscheiden sich auch darin, daß sie nicht so weltfremd sind wie die anderen Chassidim. Sie haben es verstanden, dem modernen Leben Konzessionen zu machen, und sind auch der profanen Bildung nicht abhold. Als Nikolaus I. jene Verordnung erließ, daß die Juden in „Schkoles" (öffentlichen Schulen) unterrichtet werden müßten, war Rabbi Mendel von Lubawitsch einer der wenigen, der seinen Kindern Unterricht in der Landessprache erteilen ließ. Die Chabader sind bis auf den heutigen Tag die fortgeschrittensten unter den Chassidim geblieben, was sich schon in ihrem Äußern, selbst in ihrer Tracht zeigt. Aus ihrer Mitte sind auch bekannte „Schtadlanim", Vermittler zwischen den jüdischen Gemeinden und der Regierung, hervorgegangen. 6. Eine besondere Entwicklung hat der polnisch-galizische Chassidismus genommen. Hier wie in Litauen stieß der Chassidismus gleich bei seinem ersten Auftreten auf den Rabbinismus. Während aber in Litauen der Rabbinismus so ausschließlich die Geister beherrschte, daß die neue Richtung einem unerbittlichen Widerstand begegnete und sich nur dadurch ein Plätzchen erobern konnte, daß sie sich dem Rabbinismus unterordnete und seine Färbung annahm, fand der Chassidismus in Galizien bereits einen wohlvorbereiteten Boden, da dort schon vor seinem Auftreten mystische Strömungen Platz gegriffen hatten.*) Der Chassidismus war daher auch dem dortigen offiziellen rabbinischen Judentum nichts Neues; er stellte sich auch nicht in einen so schroffen Gegensatz zum Rabbinismus wie anderswo, im Gegenteil, er wies dem talmudischen Studium den gebührenden Platz zu. Es ist bezeichnend, daß die galizischen Chassidim ihren Anführer nicht, wie die anderen, Zaddik oder ,,Magid" nennen, sondern ihm den rabbinischen Titel „Raw" beilegen. Bekannt sind der Beizer Raw, der Rymanower Raw usw. Sie hatten daher auch nicht jene Verfolgungen von Seiten der Rabbinen zu erdulden, wie die Chassidim in Wolhynien, der Ukraina und Litauen. Ebenso blieben sie von inneren Kämpfen fast verschont. Der Chassidismus in anderen Ländern differenzierte und spaltete sich fast gleich bei seinem ersten Auftreten. Er erzeugte aus sich selbst Dissidenten, die gegen ihn auftraten, einerseits zu seiner Entwicklung und Vertiefung, andererseits aber auch zu seiner Zersplitterung beitrugen. Solche Strömungen kennt der galizische Chassidismus fast gar nicht, und so ist es gekommen, daß er bis auf den heutigen Tag seine ursprüngliche Form bewahrt hat und eine große Verbreitung finden konnte, so daß ihn weder die moderne Bildung noch die politische Freiheit verdrängen konnte. Alle Pfeile des Sarkasmus und der Kritik, die gegen ihn so bedeutende Männer wie Isak Erter, Joseph Perl, Nachman Krochmal und viele andere abschössen, konnten ihn nicht zum Weichen bringen. Nur einmal drohte dem galizischen Chassidismus die Gefahr einer Zersetzung. Es war, als die Sadagorer Dynastie, die aus Wolhynien stammt, dahin emigrierte und eine neue, wesentlich anders geartete Richtung zur Geltung brachte. Es standen sich damals der galizische Chassidismus, der bescheiden innerlich nur auf Lehre, Gebete, Gottesdienst und Wohltun gegründete, und die Sadagorer Dynastie mit ihrem weltlichen Prunk, ihrer fürstlichen Herrschsucht, ihren regentenhaften Allüren gegenüber. Die Gefahr war um so größer, als der Begründer, der Vater dieser Dy- *) Siehe mein Buch: Mystisch-religiöse Strömungen, Leipzig 1914, Seite 31—51.