Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 659 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 659 tag, sondern nur den 19. Kislew, den Tag, andern die Lehre des Raw den Sieg davongetragen hat. Hinterläßt ein Chabader Zaddik einen Sohn, so wird dieser nur dann sein Nachfolger, wenn ihn sein Wissen dazu befähigt. Zuweilen geschieht es, daß Schüler von Chabader Zaddikim nach deren Tode ihre Stelle einnehmen und ihre früheren Gefährten zu Schülern bekommen. Die Chabader Chassidim pflegen an den Sabbaten und Feiertagen sich nach dem Gebet in ihrem Bethause zu versammeln, um dem Vortrag ihres Zaddik zu lauschen. Geschlossenen Auges stehen sie da und horchen ohne Ekstase, aber gebannt durch die Gedankentiefe und den Scharfsinn seiner Ausführungen. Nachdem sie — jeder für sich — ihr Mahl eingenommen haben, versammeln sie sich wieder. Ein Mann, der sich stets in der Nähe des Zaddik befindet und so in seine Lehre besser eindringen kann, dient als Repetitor. Seine Aufgabe besteht darin, die Ausführungen des Rabbi zu wiederholen, zu erläutern und den Hörern einzuprägen. Zuweilen kommt eine Gruppe von Chabader Chassidim auch an Wochentagen zusammen und schickt eine Deputation zum Zaddik, damit er dieser das eine oder das andere aus der Lehre vortrage. Die Lehre des Chabader Chassidismus hat, trotzdem sie im Hauptwerke ihres Begründers festgelegt wurde, doch Wandlungen in ihrer Weiterentwicklung durchgemacht. Durch seinen Sohn, Rabbi Bär, genannt der mittlere Rabbi, durch dessen Nachfolger Rabbi Mendel von Lubawitsch, der Lubawitscher genannt, und durch deren Nachfolger und Schüler. Es existiert eine ganze Literatur des Chabadismus» Aber noch mehr, als veröffentlicht wurde, findet sich in Manuskripten vor, die in Abschriften von Hand zu Hand wandern. In den letzten Jahren hat ein Sprößling der Dynastie, ein Enkel des erwähnten Rabbi Mendel, in Lubawitsch eine Chabader Jeschibah gegründet, die als eine Hochschule des Chabadismus angesehen werden kann. Die Chabader Chassidim haben ihre eigenen Bethäuser, ihre eigenen Riten und eigenen Betformeln. Ihr Begründer hat das Gebetbuch des Rabbi Jizchak Luriah einer Bearbeitung unterzogen und aus diesem Gebetbuche, das „Dem Raws Ssidur" genannt wird, verrichten die Chabader Chassidim ihre Gebete, in Begeisterung, aber nicht in jener Ekstase, die wir bei den andern Chassidim finden; in jener Ekstase, die in Gesten, erhobener Stimme, Aufschreien und anderen Äußerlichkeiten ihren Ausdruck findet. „Indem man sich beim Gebete hin und her bewegt," sagt ein berühmter Zaddik, „gelangt man zu großer Erregung. Man gleicht dann einem Menschen, der dem Ertrinken nahe ist. Wenn ein Mensch, der im Wasser zu ertrinken droht, Bewegungen macht und zappelt, dann werden doch die Zuschauer seiner nicht spotten. Ebenso darf man dessen nicht spotten, der sich beim Gebete hin und her bewegt, denn auch er hat sich zu retten aus böswilligen Gewässern, das sind jene bösen Geister, die seine Gedanken vom Gebete ablenken wollen." Eine solche Ekstase ist den Chabader Chassidim fremd. Ihre Begeisterung ist eine stille, innerliche. Nur zuweilen dringt die unterdrückte Stimmung hervor und findet ihren Ausdruck in einer bekannten Melodie: „Dem Raws Nigun"*). Mehrere Male lassen sie dann den Ruf „Tatuniu! Tatuniu!" („Väterchen!") in jener Melodie hören. *) Wiederholt veröffentlicht, auch in der Zeitschrift Ost und West. 46*