Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 661 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 661 nastie, Rabbi Israel von Rishin als große Autorität galt und viele galizische Zaddikim sich zu seinen Schülern zählten. Einer dieser Schüler, Rabbi Chaim, der Zanser Raw, der ein berühmter Talmudgelehrter war, fand den Mut, den Kämpf gegen die neue Strömung aufzunehmen. Er scheute nicht die schärfsten Waffen, Pamphlete, Bannfluch usw. Zuerst stand er allein da, denn niemand sonst wagte es, gegen die Sadagorer Dynastie aufzutreten. Allmählich aber fand er Kämpft genossen, und so gelang es ihm, wenn auch nicht die Sadagorer Dynastie zu verdrängen, so doch die galizische Richtung vor dem Untergang zu bewahren. Der galizische Chassidismus stellt die konservativste Richtung überhaupt dar und übertrifft in dieser Hinsicht, in Lebensformen und Sitten sogar die wolhynischukrainische. Die galizischen Chassidim bewahren mit einer peinlichen Genauigkeit die altertümliche Tracht. Wer daran zu rütteln wagt, wird als ein Ketzer angesehen. Die Gebete verrichten sie lärmend, hin und her rennend und mit heftigen Gebärderi und Gesten. Ihr ganzes Fühlen und Denken ist dem Chassidismus gewidmet, heilige Legenden und Wundererzählungen bilden ihr Tagesgespräch. Sie halten sich nicht nur von den Aufgeklärten, sondern auch von den Chassidim der anderen Richtungen; besonders derer Rußlands, fern. Ebenso wie die Männer es mit der Tracht und andern Äußerlichkeiten genau nehmen, machen es auch die Frauen. Sie tragen dieselben Kleidungen, wie ihre Ahnfrauen getragen haben. Die extremsten in dieser Richtung sind die Beizer Chassidim. Ihre langen gekräuselten Stirnlocken — die Beizer Peoss — sind sprichwörtlich bekannt. Merkwürdigerweise haben sie es bei all ihrer Abgeschlossenheit von der Außenwelt verstanden, sich eben durch ihren starren Konservatismus die Gunst der konservativen Polen, die die politische Macht in Händen haben, zu erwerben und um den Preis ihres Stimmzettels Konzessionen für sich herauszuschlagen: Überhaupt sind sie gut organisiert und verstehen ihre Interessen zu wahren. Der galizische Chassidismus zeigt große Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Form des Chassidismus beim Auftreten des Baal Schern. Die große Spanne Zeit, die dazwischen liegt, die selbst auf die stärksten Elemente der andern Richtungen ändernd und zersetzend gewirkt hat, ist an ihm fast spurlos vorbeigegangen. * Dies sind die Grundzüge der Entwicklung, die der Chassidismus seit etwa zweihundert Jahren genommen hat. Zeitliche und örtliche Umstände haben seine Physiognomie umgestaltet und hier und da zersetzt, aber noch lebt er ungebrochen im Volke, noch immer bietet er Hunderttausenden in Galizien, Polen, Wolhynien, der Ukraina, Litauen und Reussen geistige Nahrung. Hunderttausende noch glauben an ihre Zaddikim, glauben „ungeteilt in naiver Einfalt, ohne jede Klügelei* Der Chassidismus des Baal Schern, dessen tiefe Wurzeln in der Kabbalah, der Agadah, ja bei den Propheten zu suchen sind, ist die stärkste religiöse Bewegung, die die jüdische Geschichte in der Diaspora kennt. Sie ist die einzige, die trotz der heftigen Gegnerschaft, mit der sie vom offiziellen Judentum bekämpft worden ist, sich nicht aus dem Judentum hat verdrängen lassen, vielmehr eine hervorragende Stellung darin errungen hat. Bern S. A. Horodezky