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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 658

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
658 (sequence 10)
Language
German
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658 S. A. Horodezky: Der Lehrer stellte diesen seinem Schüler als den Rabbi Israel Baal Schern vor. Beide waren aus „der Welt der Wahrheit" gekommen, um den ersten Märtyrer des Chassidismus kennen zu lernen. Der Baal Schern ersuchte Rabbi Schneur, ihm seine, die Chabader Lehre, vorzutragen. Dieser tat es und hörte beim Abschied Worte der Ermunterung aus dem Munde des Baal Schern: Lehre also, mein Sohn, lehre! Die Chabader Lehre zeichnet sich vor allen andern chassidischen Lehren durch ihren Intellektualismus und philosophischen Tiefsinn aus. Sie gründet sich wie die andern Richtungen auf die Lehre des Baal Schern, aber diese dient ihr nicht wie den andern als eine lückenlose Weltanschauung, sondern als eine Unterlage für metaphysische Rätsel über Gott und Welt, die nicht bereits gelöst sind, sondern erst eine Lösung erheischen. Der Unterschied zwischen ihr und den andern Lehren zeigt also eine gewisse Ähnlichkeit mit den Gegensätzen, die zwischen der spanischen Richtung der Kabalah und der deutschen bestanden haben. Der Begründer der Chabader Richtung, Rabbi Schneur Salman, der von allen Chassidim, auch denen der anderen Richtungen schlechtihn „der Raw" genannt wird, stammt aus Litauen und ist zunächst im Geiste der litauischen Juden mit Talmud und Kommentaren vertraut geworden. Er galt schon als eine talmudische Autorität, bevor er Schüler des Rabbi Bär aus Meseritsch wurde und ragte unter den Schülern des letzteren, von denen viele bedeutende Talmudisten waren, hervor. Rabbi Schneur fühlte sich berufen, den talmudischen Tiefsinn in denChassidismus hineinzutragen. Sein grundlegendes Hauptwerk „Likute Amarim" oder „Taniah", unter welchem Titel es am meisten bekannt ist, ist das erste Buch der chassidischen Literatur, das ein logisch geordnetes System enthält. Seine Vorgänger beschränkten sich auf Homiletik und Ethik, indem sie die Worte ihres Lehrers, des Baal Schern, mit Erklärungen und Deutungen versahen. „Taniah" aber ist eine selbständige Arbeit, trotzdem auch sie auf dem Chassidismus des Baal Schern basiert. Rabbi Schneur Salman machte aus dem Chassidismus eine Disziplin, die gelehrt werden kann und gelernt werden soll, während es seinen Vorgängern nur darauf ankam, zu erbauen, anzuregen und den Gottesglauben und den Glauben an den Zaddik zu stärken. Rabbi Schneur, der litauische Talmudgelehrte, fordert von den Chassidim dasselbe, was der antichassidische Talmudgelehrte fordert, Studium und Vertiefung, nur daß er sich nicht auf die rabbinische Gelehrsamkeit beschränkt. Für Rabbi Schneur ist der Zaddik nicht der Wundertäter, sondern der Lehrer und Erzieher. Während die Chassidim der anderen Richtungen von ihren Zaddikim Wunder, eine Aufhebung der Naturgesetze erwarten und von ihnen auch solche zu erzählen wissen, bei ihnen übernatürliche Hilfe in allen ihren privaten Lebensangelegenheiten suchen, kommt der Chabader Chassid zu seinem Zaddik nur, um die Lehre aus seinem Munde zu hören. Zwischen dem Chabader Zaddik und seinen Anhängern besteht auch nicht jenes intime Verhältnis, wie zwischen den anderen Zaddikim und ihren Chassidim. Er reicht ihnen nicht die Hand, wenn er sie empfängt, und veranstaltet keine gemeinsamen Mahlzeiten. Nur am Rosch haschanah, am Simchath Thora und dem 19. Kislew, an dem der Raw von seiner Haft befreit wurde, gestattet er ihnen eine Annäherung. Sonst kommt er mit seinen Anhängern nur zusammen, um ihnen die Lehre vorzutragen und sich gleich nachher wieder in seine Studierstube zu begeben. Es wird auch kein Personenkultus mit ihm getrieben, es wird nicht zu seinem Grabe gewallfahrtet, man feiert nicht seinen Todes-

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