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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 657

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
657 (sequence 9)
Language
German
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 657 berühmter Kabbaiist, „dem es vergönnt ist, das heilige Land zu betreten, erhält eine zweite Seele aus einer Neuschöpfung, die sich in die alte Seele hüllt. In der ersten Nacht im Lande Israels gelangen beide Seelen in den Himmel, aber zurück kehrt nur die neue, die sündenfreie, die keine Strafe verdient." Im siebzehnten Jahrhundert war Palästina ein großes geistiges Zentrum für die jüdische Mystik. Auch der Baal Schern, der Vater des Chassidismus, bewahrte diese Sehnsucht und gedachte nach Erez Israel zu wallfahren, trotzdem man ihn vom Himmel — so erzählt die Sage — davor gewarnt hatte. Er achtete dessen nicht und trat die Reise an, aber vom Himmel wurde er daran gehindert, denn ein Echo von Oben verkündete, wenn er nach Palästina kommen würde, müßte auch der Messias kommen, für dessen Ankunft aber die Zeit noch nicht reif sei. Der Baal Schern gab darauf die Reise auf und kehrte heim. Was ihm nicht vergönnt war, war seinem Urenkel Rabbi Nachman beschieden. Er lebte einige Monate in Erez Israel, wo er am Vorabend des Rosch haschanah des Jahres 5559 anlangte. Hier vertiefte er sich in das Studium der Kabbalah und Wallfahrtete häufig zu den Grabstätten des Rabbi Schimon ben Jochai, des Rabbi Jizchak Luriah und der anderen Kabbalisten. Er wollte dort bleiben, aber die Sehnsucht nach seinen Anhängern trieb ihn wieder nach Haus. Der starke Eindruck aber, den Erez Israel trotz seines kurzen Aufenthaltes auf ihn gemacht hatte, wich nie aus seiner Seele. Alles Leben, das in ihm sei, sagte er, habe er von seinem Aufenthalt in Erez Israel. Er verbot, seine Predigten, die von der Zeit herrührten, bevor er in Palästina gewesen, niederzuschreiben, da sie unreif wären. „Wer in Wahrheit ein Jude sein will, der gehe nach Palästina. Mag er noch so viele Hindernisse haben, er beseitige sie und gehe dorthin." Denn „das Wesen des Verstandes und der Weisheit ist in Erez Israel". Die Brazlawer Chassidim sind bestrebt, auch diesem Gebote ihrer Führers nachzuleben. Selbst der Ärmste sucht zumindest einmal in seinem Leben in Palästina zu sein. Zuweilen verläßt ein Brazlawer Chassid aller Mittel entblößt sein Heim, wandert von Stadt zu Stadt, bleibt an jedem Orte nur so lange, bis er so viel gesammelt hat, um ein Stück weiter wandern zu können, bis er endlich in den Hafen seiner Sehnsucht — ins Land Israels gelangt. 5. Unter den vielen Schattierungen der Chassidim nimmt die Chabad-Gruppe eine besonders angesehene, ja überragende Stellung ein. „Chabad" sind die Initialen der Worte „Chachmah, Binah, Daath": Weisheit, Vernunft, Wissen, die drei ersten der zehn Sefiroth (göttlichen Emanationen), auf die sich diese Sonderlehre gründet. Ihre Anhänger werden die „Chabadnikes" genannt. Die Chabadnikes glauben sich im Besitze der höheren Formen des Chassidismus und schauen geringschätzig auf die anderen Richtungen, besonders auf die wolhynisch-ukrainischen herab. Die anderen Chassidim räumen ihnen den Vorrang an Wissen ein, aber sie stehen ihnen fremd gegenüber und werfen ihnen Stolz und Mangel an Gemüt vor. Dar Chabader Chassidismus, der arm an Legenden und Sagen ist, weiß von seinem Begründer zu erzählen: Als Rabbi Schneur Salman aus Ladi in Petersburg im Kerker saß, wohin er infolge einer Denunziation des Rabbi Avigdor gekommen war, öffnete sich eines Tages die Tür seiner Zelle und herein trat sein seliger Lehrer Rabbi Bär aus Meseritsch in Begleitung eines alten Mannes. Heft 10. 46

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