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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 655

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
655 (sequence 7)
Language
German
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim lassen, als würden sie jeden Augenblick seine Rückkehr erwarten. Hat er ihnen ja selbst über den Tod des Zaddik gesagt: es ist, als ob er von einem Zimmer ins andere träte. Sie pflegen oft in ihrem Bethause zusammenzukommen, um sich ins Studium der Bücher ihres Rabbi, jedes Wortes, jedes Punktes zu vertiefen. Außer der schriftlichen Literatur bewahren sie eine „überlieferte, mündliche Lehre", in die sie einen Fremden nicht einweihen dürfen. Diese vererbt sich von dem Vater auf* den Sohn, von der alten auf die neue Generation und ist bis jetzt so geheim gehalten worden, daß nichts davon in die Öffentlichkeit gedrungen ist.*) Besondere Zusammenkünfte finden an Sabbaten und Feiertagen statt. Den gebräuchlichen Gebeten fügen sie von Rabbi Nachman und seinem Schüler, Rabbi Nathan, verfaßte hinzu. Sie sprechen sie mit Begeisterung und großer Freude, „Ein Gebet in Freude," sagt Rabbi Nachman, „ist Gott angenehm und süß." „Durch die Freude wird die Heiligkeit vollkommen, durch die Freude nimmt die Kraft des Verstandes zu." Nach den Gebeten führen alle einen Tanz auf, wobei Lieder, die von ihren Großen verfaßt wurden, gesungen werden. Hierauf setzen sie sich zusammen und lesen die Bücher ihres Lehrers. Die Ältesten erklären und deuten, die andern lauschen in Inbrunst und Begeisterung, bis sie die ganze Umwelt vergessen. Dann weilt ihr Lehrer unter ihnen, sie sehen ihn, sie fühlen seine Anwesenheit, seine Nähe und hören seine Stimme, die zu ihnen wie ein liebender Vater zu seinen Kindern spricht. Eine Stunde am Tage pflegt jeder Brazlawer Chassid in Einsamkeit zu verbringen. Er verläßt die lärmende Außenwelt, flüchtet sich in einen stillen Winkel, um mit seinem Gott Zwiesprache zu halten. Nicht in bestimmten Formeln und Ausdrücken, nicht in Gebeten, die dieser oder jener verfaßt hätte, sondern in Worten, die dann seinem Herzen entströmen. Denn Rabbi Nachman hat ihnen geboten, am Orte der Einsamkeit „nur in der Sprache, in der man spricht, d. h. jüdisch-deutsch, zu beten. Denn in der heiligen Sprache (hebräisch) hält es schwer, das ganze Gespräch auszudrücken. Auch wird das Herz von diesen ungewohnten Wörtern nicht angezogen, da wir nicht gewöhnt sind, in der heiligen Sprache zu sprechen." Überhaupt schrieb Rabbi Nachman den Gebeten in der Umgangssprache eine große Bedeutung zu. Denn „betet man in der Sprache, in der man spricht, dann haftet das Herz fest an den Worten des Gebets, und man heftet sich viel fester an Gott". Doch darf man die traditionellen hebräischen Gebete nicht abschaffen. Die Brazlawer Chassidim sind Gegner einer jeden wissenschaftlichen Forschung. Auch darin gehen sie noch viel weiter als die anderen Chassidim, die die Werke eines Maimonides oder eines Jehuda Haie vi doch nicht ganz auszuschalten wagen. Der Brazlawer Chassidismus verdammt jede Wissenschaft, jede Forschung ohne Ausnahme. „Sie sind große Weise," sagt Rabbi Nachman, „in ihrer Weisheit denken sie sich etwa eine Waffe aus, mit der man tausende Menschen auf einmal töten kann. Gibt es eine größere Narrheit als tausende Seelen umsonst umzubringen!" „Eine wahrhaft große Weisheit, eine große Kunst ist es, wie ein Tier zu sein, einfaltsvoll, ohne Klügelei." . „Von Büchern der Forschung, sogar von denen, die große Juden *) Während ich mit der Abfassung meines Buches über Rabbi Nachman, „Rabbi Nachman von Brazlaw", Berlin 1910, beschäftigt war, gesellte ich mich oft zu den Brazlawer Chassidim und besuchte ihr Bethaus in Uman, konnte aber trotz all meiner Anstrengungen von ihnen kein Wort über ihre Geheimlehre erfahren.

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