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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 654

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
654 (sequence 6)
Language
German
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654 S. A. Horodezky: sollst du mir, meine Feinde zu bezwingen und sie mir Untertan zu machen, und öffnen sollst du ihre Augen, daß sie die Wahrheit sehen, daß ihr Streit und ihre Verfolgungen grundlos sind, denn ich habe keinen Zwist mit ihnen, sondern ich begehre in Wahrheit den Frieden. Ich bin der Friede, und wenn ich das ausspreche, wollen sie Kampf." Die Ursache für diese heftige Gegnerschaft ist schon beim Schöpfer des Brazlawer Chassidismus, Rabbi Nachman, zu suchen, in der unerbittlichen Schärfe, mit der er gegen die andern Zaddikim zu Felde gezogen ist. Der Chassidismus hat in Rabbi Nachman einen rücksichtslos scharfen Kritiker gefunden. Er verschonte selbst seine berühmtesten Zeitgenossen nicht. ,,Führer gibt es," so sagte er, ,,die sich Rabbiim nennen, die sich herausnehmen, die Welt zu führen, und verstehen es nicht einmal, sich selbst zu führen. Sie sitzen den ganzen Tag in Tallis und Tefillih gehüllt da, aber sie sind Heuchler. Der Satan fand es zu schwer, allein die ganze Welt vom rechten Pfade abzulenken, da nahm er sich da und dort einen berühmten Mann zu Hilfe." Durch solche Aussprüche zog sich Rabbi Nachman die heftige Feindschaft seiner Zeitgenossen zu. An der Spitze seiner Gegner stand der „Schpoler Großvater", der ihn und seine Anhänger rücksichtslos verfolgte und die Anschuldigung verbreiten ließ, daß er, Rabbi Nachman, der Irrlehre des Sabbatai Zwi zuneige. Einen Vorwand zu dieser Anklage gaben jene Aussprüche des Rabbi Nachman, die eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die rituellen Gebote und Verbote bekundeten. Bekanntlich nimmt es schon der Chassidismus des Baal Schern mit den Äußerlichkeiten der Gesetze nicht so genau wie der Rabbinismus. Schon ihm ist der tiefere Inhalt, die Seele, die Hauptsache. Rabbi Nachman ging darin noch einen Schritt weiter. ,,Es gibt nichts, das ein absolutes Muß sein sollte. Kann man es tun, so kann man es eben; wenn nicht, so nicht." „Zuweilen ist der Mensch gar nicht imstande, Gott zu dienen. Was läßt sich tun? Wer nicht kann, den enthebt Gott der Pflicht." ,,Ein Jude darf sich keine Sorgen machen, ob er seine Pflichten vollkommen erfülle. Ein Wesen aus Fleisch und Blut kann seine Pflichten nicht vollkommen erfüllen. Und die Thora ist nicht für Engel da." Nicht die äußere Schale, die Hülle der Gebote ist die Hauptsache, sondern der Gedanke. ,,Das Sehnen und der Wunsch an und für sich sind sehr große Dinge, und Gott heischt nur das Herz." „In der Hauptsache entsteht die Seele durch das Sehnen und das Begehren, mit dem ein Jude, jeder nach seiner Stufe, zu Gott hinstrebt. Aus diesem Sehnen, aus dem Begehren, eine höhere Stufe zu erlangen, erzeugt sich die Seele." Solche Aussprüche finden sich zwar auch bei seinen Vorgängern, Rabbi Nachman hat ihnen aber eine radikale Form gegeben. „Ich gehe einen neuen Weg," sagte er einmal, „den noch kein Mensch betreten hat. Es ist ein sehr alter Weg und trotzdem ganz neu." Dieses Neue eben konnten ihm seine Gegner nicht verzeihen und verfolgten ihn und seine Anhänger mit der äußersten Unerbittlichkeit. Man ging keine Ehen mit den Brazlawer Chassidim ein, aß nicht von ihrer Schechita, ihr Leben war vogelfrei. Dieser Haß gegen die Brazlawer Chassidim ist noch bis auf den heutigen Tag nicht ganz geschwunden, wenn er auch mit der Zeit mildere Formen angenommen hat und an Stelle der unbarmherzigen Verfolgungen Spott und Verachtung getreten sind. Die Chassidim von Brazlaw leben untereinander in großer Einigkeit. Haben sie auch keinen lebenden Führer, der sie zusammenhält, so lebt doch der Geist des Rabbi Nachman unter ihnen, und sie hängen an ihm, als hätte er sie eben erst ver-

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