Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 653 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 653 sorgen, daß der Chassidismus bis zum Ende der Geschlechter in seiner lauteren Reinheit erhalten bleibe* Der Zaddik sei allerdings der Zentralpunkt der Chassidim, er sei ihr Anführer. Aber sie selbst müßten sich zu der Stufe emporheben, daß sie sich selbst und andere zu führen vermöchten, sobald es die Stunde erheische, sich selbst und andere lehren, sobald es keinen geistigen Führer gebe. Und so geschah es auch. Die Brazlawer Chassidim sind seit dem Tode ihres Lehrers bis auf den heutigen Tag ihre eigenen Führer. Sie dringen ins Volk und verbreiten dort die Lehre des Rabbi Nachman. Besonders pflegen sie den Anschluß an die Menge zu suchen, an die Armen und die Handwerker. Sie bringen ihnen jüdisches Wissen bei und weihen sie besonders in die Lehre des Rabbi Nachman ein. Gar mancher arme Handwerker, der von Hause aus keinerlei Kenntnisse mitgebracht, hat sich auf diese Weise zu einem wissensreichen Chassid emporgerungen. Wie sein Urgroßvater, der Baal Schern, so hatte auch Rabbi Nachman ein warmes Herz für die niedrigen und unterdrückten Massen. „Sehe ich einen Armen unter den Armen in zerfetzten Kleidern, mit zerrissener Mütze und Schuhen ein gutes Werk tun," sagte er, „so ist er mir besonders teuer." Dagegen haßte er den Reichtum. „Jeder Götzendienst steckt im Mammon. Selbst wenn Zaddikim Reichtum besitzen, schadet es ihnen am Gottesdienst." Er rief den Reichen zu, sie sollten „die Götzen ihres Silbers und Goldes verwerfen und zu Gott allein beten". Eine besondere Wertschätzung hatte er für die Handwerker. „Groß ist, der von seiner Hände Werk lebt, denn er erkennt die Majestät Gottes mehr als die Engel". Er liebte die Menge, „die einfachen und redlichen Leute". Auch sagte er: „Man kann ein großer Zaddik sein, wenn man auch nicht viel gelernt hat," ja, „wenn man überhaupt nicht lernen kann". Die Brazlawer Chassidim stehen abgesondert und getrennt von den anderen Chassidim. Sie werden mit Verachtung und Haß angesehen. Während die andern Richtungen trotz der Gegensätze starke Berührungspunkte aufweisen, wodurch sie sich als eine Körperschaft fühlen, haben die Brazlawer Chassidim ihren eigenen Weg, ihr eigenes stilles Seelenleben, sie nehmen weder an der Freude noch an der Trauer der anderen Chassidim teil, sie haben ihre eigene Freude und Trauer, ihre eigenen Wünsche und eigenen Bestrebungen. Die anderen Chassidim haben eine Persönlichkeit, die ihnen höher als ihr eigener Zaddik steht, eine Persönlichkeit, in deren Verherrlichung sie sich alle zusammenfinden — den Baal Schern. Auch darin unterscheiden sich die Brazlawer Chassidim. Denn wenn sie auch den Baal Schern verehren, glauben sie doch, daß ihr Lehrer Rabbi Nachman seinen Urgroßvater übertroffen habe. Sie wagen das nicht über die Lippen zu bringen, aber in ihrem Innern tragen sie die feste Überzeugung, daß Rabbi Nachman weder einen gleichwertigen Nachfolger noch einen gleichwertigen Vorgänger gehabt habe. Der Haß der anderen Chassidim gegen die Brazlawer ist nicht neu. Die Geschichte des Brazlawer Chassidismus weiß viel von grausamen Verfolgungen zu erzählen, die seine Anhänger von den anderen Chassidim zu erleiden hatten. Unter den vielen Gebeten, die Rabbi Nathan auf Geheiß seines Lehrers verfaßt hat und die jedem Brazlawer Chassid bis auf den heutigen Tag geläufig sind, befindet sich auch folgende Tefillah: „. . . daß du um deines Namens willen tuest und mir stets dazu verhelfest, daß ich jederzeit bei dir vor allen Feinden und Hassern Zuflucht finde. Nur zu dir werde ich mich flüchten, bei dir allein Rettung finden. Und daß es mir dadurch beschieden sei, mich dir immer mehr und mehr zu nähern. Und helfen