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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 652

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
652 (sequence 4)
Language
German
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652 S. A. Horodezky: Einige Jahre später findet die offizielle Aufnahme des Jünglings in den Kreis statt. Er wallfahret dann zumZaddik und übergibt ihm zum erstenmal den Bundesbrief, ein Symbol der Vereinigung, des inneren Bundes zwischen Chassid und Zaddik, Dieser Brief ist nach einer bestimmten Formel abgefaßt und drückt aus, daß der Chassid seine Seele an die Seele des Zaddik knüpft, daß er ihm von jetzt ab mit all seinen 248 Gliedern und 365 Adern ergeben ist, daß er ihm gehorchen wolle usw. Diese Neophyten sind die große Freude des Zaddik, in ihnen sieht er seine Zukunft, eine junge, blühende Generation, die in seinem Geiste leben wird. „Es ist nicht gut, alt zu sein," sagt Rabbi Nachman von Brazlaw, „weder ein alter Chassid, noch ein alter Zaddik. Es ist nicht gut. Nur sich an jedem Tag erneuern." Der chassidische Jüngling pflegt früh zu heiraten, spätestens im achtzehnten Lebensjahr. Es wird von seiten der Eltern und des Zaddik darauf gesehen, daß er die Tochter eines Chassid, zumeist eines Anhängers des gleichen Zaddik heimführe. 4. Aus dem vielverzweigten Stammbaum des Chassidismus hat sich ein Ast abgebogen, als wollte er ein Sonderleben führen — der Zweig der Brazlawer Chassidim. Alle andern Chassidim stehen bis auf den heutigen Tag in einem organisatorisch straffen Zusammenhang mit ihrem Führer, der ihnen in allen Lebenslagen Wegweiser und Berater ist. Anders die Brazlawer Chassidim. Rabbi Nachman von Brazlaw, ein Urenkel des Baal Schern, ihr Zaddik und der Begründer ihrer Richtung, ist seit mehr als hundert Jahren tot, ohne einen Nachfolger zurückgelassen zu haben. Sein Schüler und Sekretär Rabbi Nathan konnte und wollte esine Stelle nicht einnehmen, wollte nur sein Apostel sein, der jedes Wort, jeden Wink seines Lehrers erklärte und deutete. Er war Rabbi Nachman, was Rabbi Chaim Vital dem Rabbi Jizchak Luriah und was Jakob Josef von Polna dem Baal Schern gewesen. Aber trotzdem die Brazlawer Chassidim eines lebenden Oberhauptes entbehren, haben sie den Zusammenschluß nicht verloren, weil sie unentwegt weiter in den Bahnen wandeln, die ihnen ihr toter Führer vor mehr als hundert Jahren vorgeschrieben hat. Ihre Zahl wächst überraschenderweise von Tag zu Tag. Eine Erklärung dafür finden wir im Wesen des Rabbi Nachman und seiner Richtung. Rabbi Nachman war der erste Kritiker des Chassidismus. Er fand, daß schon zu seiner Zeit „die Chassidim lau zu werden begannen". Und die Schuld treffe nicht etwa die Chassidim, sondern die Führer. „Der Baal Schern seligen Angedenkens und andere Zaddikim haben in dieser Welt erreicht, was sie erreicht haben. Kaum aber verließen sie diese Welt, fand auch ihr Tun einen Abschluß. Die Erleuchtung, die sie ihren Schülern gegeben, durch die sie sie Gott zugeführt haben, fand keine Fortsetzung von Geschlecht zu Geschlecht, sondern erlosch." Und Rabbi Nachman hielt sich für berufen, diesen Fehler wieder gut zu machen, „etwas zu schaffen, das von ewiger Dauer sein würde". Er faßte den Plan, die Organisation der Chassidim von Grund aus zu ändern, so daß die Führer Schüler und die Schüler wieder Schüler hinterlassen sollten, die wieder Lehrer erziehen, damit das Licht sich von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanze. Diese Schüler sollten nicht die Auserwählten, nicht einzelne hervorragende Persönlichkeiten sein, nein, alle Chassidim sollten den Chassidismus so tief verstehen und von ihm so stark ergriffen sein, daß sie es vermöchten, die Herzen der andern zu begeistern. „Diese Menschen werden andere schaffen und diese wieder andere, und so fort." Die Chassidim selbst müßten dafür

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