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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 651

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
651 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 651 dim dem Buche Sohar, der Bibel der Kabbalah, bei, das dem Tannaiten Rabbi Schimon ben Jochai zugeschrieben wird. Im Soharbuche studieren selbst jtne fleißig, die weder den aramäischen Stil, noch den tief-mystischen Inhalt verstehen. Die Worte des Sohar an und für sich sind der chassidischen Anschauung nach heilig und heilsam für die Seelen derer, die sie aussprechen, sei es auch ohne ihren Sinn zu verstehen. Außer dem Sohar wird besonders das Buch „Chowoth Halwawoth" in seinen ethischen Teilen (mit Ausschluß des ersten philosophischen Abschnittes), der heilige Schelah („Sehne luchoth habrith") und der heilige „Or Hachaim" geschätzt. Vor allem aber vertiefen sich die Chassidim in das Studium ihrer eigenen Literatur: in die Bücher der Zaddikim, von den Sammlungen der Aussprüche des Baal Schern und den Schriften seiner Schüler bis auf die Erzeugnisse ihrer letzten Führer. Eine Hauptlektüre bilden auch die heiligen Erzählungen, die von Mund zu Mund gingen und erst später niedergeschrieben wurden. Es ist ein Gebot des Chassidismus, heilige Erzählungen besonders aus dem Leben der Zadikim zu hören und zu erzählen. Diese Erzählungen seien ein „Heilmittel für die Seelen". Die chassidische Literatur ist der Hauptgegenstand im Unterricht des chassidischen Kindes. Es wird zwar auch mit dem Talmud vertraut gemacht, aber nicht in dem Maße, wie es bei den Kindern der Mithnagdim zu geschehen pflegt, deren ausschließliches Studium der Talmud und seine Kommentare bilden. Die Chassidim selbst haben keine Jeschiboth und schicken ihre Kinder auch nicht in die Jeschiboth, die von den Mithnagdim so zahlreich gegründet worden sind. Denn ihnen ist das Talmudstudium kein Selbstzweck, und das Studium dort bei den Mithnagdim ist überdies kein wahres Studium, es ist „ein Studium ohne Seele". Der chassidische Vater sieht darauf, seinen Sohn in den Cheder eines chassidischen Melamed zu geben. Dort lernt er zunächst die fünf Bücher Moses mit Raschi- Kommentar. Etwas älter geworden wird er in den genannten Kommentar „Or Hachaim" eingeführt. Aus den andern Büchern der Bibel lernt er besonders die Psalmen, die sein Erbauungsbuch fürs Leben bleiben sollen. Denn täglich nach dem Gebete pflegt der Chassid zehn Kapitel aus den Psalmen zu lesen und am Samstage alle insgesamt. Vom Talmud und seinen Kommentaren bekommt der chassidische Schüler nur einen oberflächlichen Begriff. Seine Haupterziehung genießt er in seinem Elternhause und im chassidischen Milieu, besonders im Bethause der Chassidim, wo er sich zu den Erwachsenen gesellt und den Sagen und Erzählungen aus dem Leben der Heiligen lauscht. Ist das Kind „Barmizwah" geworden, nimmt es sein Vater zum erstenmal zu seinem Zaddik mit. Dann sieht der Knabe den Mann, zu dem er schon in der zartesten Kindheit ehrfurchtsvoll emporzuschauen gelernt hat. Der Zaddik legt eigenhändig die Gebetriemen um den Kopf und den Arm des Barmizwah und segnet ihn, „auf dem rechten Wege zu wandeln". Von jener Stunde an ist der Knabe nicht nur ein vollkommener Jude, der nach dem Schulchan-Aruch verpflichtet ist, alle 613 Gebote und Verbote zu halten, sondern ein gleichwertiger Chassid. Bald betet er mit derselben Andacht wie die Großen und nimmt an dem gemeinsamen Mahle an jedem Samstag im Bethause teil. Bald gewöhnt er sich auch daran, häufig die Mikwah, das rituelle Bad, aufzusuchen, denn das ist eines der Grundgebote des Chassidim, wodurch sie ebenfalls an die Essäer erinnern. Vor dem Morgengebete Pflegen sie im rituellen Bad unterzutauchen, besonders am Montag, Donnerstag, Freitag und Samstag.

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