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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 650

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim
Date
1917-01-01
Page
650 (sequence 2)
Language
German
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S. A. Horodezky: Überhaupt nehmen es die Chassidim mit den Einzelheiten der Gebete nicht sehr genau, da dadurch jene höhere Freude, die das Erfüllen eines Gebotes erheischt, gestört wird. Der Baal Schern schärfte seinen Anhängern ein: „Was man verrichtet, verrichte man nicht mit übermäßiger Peinlichkeit, denn dazu verleitet der böse Trieb. Er jagt dem Menschen die Angst ein, er sei seinen Pflichten nicht nachgekommen. So befällt ihn Traurigkeit, und Traurigkeit ist ein großes Hindernis für den Gottesdienst." Der Talmud und seine Kommentare sind den Chassidim ebenso heilig wie den andern Juden. Nur unterscheiden sie sich darin, daß sie nicht das Heil im intensiven Studium und im Pilpul sehen. „Alle diese Gelehrten," sagte Rabbi Jakob Josef von Polna, „häufen geistreiche Kommentare auf Kommentare, um ihr Wissen und ihren Scharfsinn zu zeigen. Das ist Schale, Äußerlichkeit." Der Chassidismus fordert für das Talmudstudium reine Absicht, Studium um des Studiums willen, „um sich in Heiligkeit und Reinheit den Buchstaben potenziell und wirklich, in Wort und in Gedanken anzuschließen." „Denn die Buchstaben sind Kammern des Heiligen, gelobt sei Er, durch die er sein Licht strömen läßt." Daher stellen die Chassidim nicht die Forderung auf, daß man seine ganze Zeit mit dem Talmudstudium verbringe, wie es die Mithnagdim tun. Der Baal Schern sagt: „Es ist der böse Trieb, der den Menschen verleitet, sich ausschließlich mit dem Talmud und seinen Kommentaren zu beschäftigen." Daß es ihm vergönnt war, die höheren Dinge zu schauen, habe er nicht dem intensiven Studium des Talmud und der anderen religiösen Bücher zu verdanken, sondern seinem Gebete, das er stets in großer Andacht verrichtet und so eine hohe Stufe erklommen habe. In der tiefen Überzeugung, daß jedes Ding Welten, göttliche Seelen in sich berge, weiß der Chassidismus, daß man durch ein Zwiegespräch mit seinem Nächsten auf der Straße ebenso den Weg zu Gott finden kann, wie durch Thorastudium und Gebet. „Zuweilen" —■ sagt der Baal Schern — „geht ein Mensch einher, spricht mit den Leuten und ist nicht in der Lage zu lernen. Er muß sich dann nur an Gott heften und seine Gedanken auf ihn lenken; ebenso, wenn ein Mensch sich auf der Reise befindet und im Studium oder im Gebete gestört wird. Er muß dann Gott auf andere Weise dienen. Er nehme sich das nicht zu Herzen, denn Gott will, daß man ihm in jeder Weise diene, das eine Mal auf diese, das andere Mal auf eine andere Art. Deshalb eben fügt es Gott, daß der Mensch einen Weg mache oder mit den Leuten spreche, damit man ihm auch einmal in einer anderen Weise diene." Nicht nur das, was im Schulchan Aruch geschrieben steht, nicht nur, was von den Vätern auf die Söhne überkommen ist, noch viele andere Wege führen den Menschen zu Gott. Alle Dinge, die sich in dieser Welt befinden — so lehrt der Chassidismus — muß der Mensch zur Einheit erheben, durch seine Gedanken, sein Wort und seine Tat, daß alles Gott allein geweiht sei, in Wahrheit und ganz, denn nichts gibt es in der Welt, das von der Einheit Gottes ausgeschaltet wäre, und wer etwas nicht für Gott tut, trennt ja — fern sei es von uns — dieses Ding von seiner Einheit. Rabbi Jakob Josef von Polna, einer der Begründer des Chassidismus, hat folgenden Ausspruch gewagt, durch den er sich große Gegnerschaft zuzog: „Ein Mensch darf sich nicht gewöhnen, immer bei seinem Studium zu verweilen, er suche auch den Verkehr mit den Menschen, nur möge stets Gottesfurcht auf seinem Antlitze sein, nach dem Wort: 'Ich habe mir stets Gott vor Augen gehalten'." Einen ebenso hohen, ja noch höheren Wert als dem Talmud legen die Chassi-

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