Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 648 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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648 A. D. Gordon: Briefe aus Palästina vorhanden, da ist Tragik, Herzeleid, wenn ein Herz da ist. Und die Tragik ist noch tiefer, weil kein Schuldiger vorhanden ist, und wir beständig Schuldige in denen sehen und sehen müssen, die nicht denken und fühlen wie wir. Das führt dazu, daß wir noch zerrissener werden und nie zu einem nationalen Willen, einem nationalen Ideal kommen und eine große nationale Arbeit leisten. Wir hatten bei der Arbeit für andere Völker und besonders in dem gegenwärtigen Krieg genügend Gelegenheit, zu sehen, daß wir eine Kraft sind. Und wenn sich alle Arbeitsfähigen unserer zwölf Millionen zu einer einzigen nationalen Arbeit vereinigen könnten, wären wir gewiß eine ganz ansehnliche Kraft und würden etwas unternehmen können, das uns früher oder später zu einem schönen Ergebnis führen würde. Das Schlimme aber ist, daß bei uns jeder nur für seine Klaus" arbeiten kann, seine „Klaus" für die beste hält und glaubt, daß es gar nichts Besseres geben könnte, als wenn alle so fühlen, verstehen und arbeiten würden, wie er. Und keiner will fühlen, daß hier keine Schuld, daß hier nur Tragik ist. Da erhebt sich vor uns erst die Frage, wie wir es schließlich doch erreichen können, daß wir einen nationalen Willen haben, eine nationale Arbeit tun. Was diese Frage bedeutet, weiß jeder Jude, der an sich Fragen stellt und unter ihnen leidet, aber jetzt, glaube ich, stellen sich diese Frage eine Menge solcher, die sie früher niemals gestellt haben. Der Krieg hat uns die Augen ganz neu geöffnet. Er hat uns so richtig gezeigt, was es heißt, ein Volk ohne Heim zu sein, was es heißt, Brüder zu töten, zu verwunden, zu vernichten ohne Schuld, ohne Interesse, ohne Ausblick, ohne Sinn. Und wenn wir nach dieser letzten Lektion nicht bis auf den Grund verstehen und einsehen, daß wir etwas tun müssen, dann weiß ich nicht mehr, was mit uns geschehen wird. Und der Krieg hat uns ja auch schon zu fühlen gegeben, daß wir etwas tun müssen. Man redet ja von einem jüdischen Kongreß, von einer Vertretung auf der Friedenskonferenz, wenn man uns nur zulassen wird. Etwas wird auch dafür getan. Das alles ist gut, — warum nicht? Aber mehr, einen tieferen Grund als das „Warum nicht?" haben wir nicht. Es ist Zeit, daß wir verstehen, daß auf einer solchen Konferenz, auf der es um die Interessen der großen Staaten geht, die Gerechtigkeit mit der Sprache der Kanonen spricht und daß, wer diese Werkzeuge der Gerechtigkeit nicht besitzt, ruhig mit seinem Rechtsgefühl zu Hause bleiben mag. Das will aber nicht heißen, daß wir schweigen müssen. Wir müssen tätig sein und dürfen nicht darauf verzichten, etwas zu tun. Wir müssen aber wissen, was wir zu tun haben, und uns keine Träume einreden, als ob wir davon etwas Richtiges erhofften. Wir wissen schon übergenug, was wir von allen Seiten zu erwarten haben. Sich noch einmal davon zu überzeugen, kann nicht schaden, aber nützen kann es uns nur als Mittel, unser altes Grundgesetz zu vertiefen, daß wir nur auf uns selbst hoffen dürfen. Unsere Hauptaufgabe muß stets sein: unsere Seele aus ihrer Zerrissenheit zu erlösen und zur Einheit zu führen! Aber das ist bei uns das Schwerste. Darüber müssen wir viel, viel nachdenken. Recht klar wird uns das erst, wenn wir der Sache mehr auf den Grund gehen, wenn wir gewahr werden, daß wir, um eine scheinbar so einfache, klare Frage, wie die der Heilung unserer zerrissenen Seele zu behandeln, erst einen weiten und nicht sehr sicheren Umweg machen müssen. Denn wer kann dafür, daß in unseremLeben, das, wie gesagt, in ein fremdes verstrickt ist, erst die Frage unserer nationalen Ganzheit aus der Frage des Lebens und Wertes einer Nation überhaupt herausentwickelt werden muß?