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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 649

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-01-01
Page
649 (sequence 7)
Language
German
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S. A. Horodezky: Vom Gemeinschaftsleben der Chassidim 649 Und da können wir wieder vom Kriege lernen. Wir müssen sehen, was er nicht nur uns selbst sagt, sondern was er dem Menschen überhaupt sagt. Wir müssen nicht nur darüber nachdenken, was er uns ausdrücklich sagt, sondern auch aus eigener Initiative uns über ihn Gedanken machen. Denn im gegenwärtigen historischen Augenblick steht die nationale Frage in ihrem weitesten und tiefsten Umfang, in ihrer allmenschlichen, ja kosmischen Ausdehnung und Bedeutung vor der ganzen Kulturwelt. Wenn das Leben, wie man sagt, Fragen stellt, so hat es hier, glaube ich, die Frage so gestellt, wie sie nur das Leben stellen kann, und nicht nur, wie es sie immer stellen kann, sondern wie es sie nur in solchen Augenblicken stellen kann, da die Saiten bis zum äußersten gespannt sind, da schon ein Ende kommen muß. Aber während die lebenden Völker vielleicht ihren Weg weiter gehen können, wie sie ihn bisher gegangen sind, ohne besonders darauf zu hören, was man hier hören kann, — müssen wir unbedingt hören und verstehen, weil es bei uns ums Leben geht. Aber dieses Thema fordert wieder einen besonderen Brief. Lebt inzwischen, meine Freunde, wohl und glücklich! Palästina A. D. Gordon VOM GEMEINSCHAFTSLEBEN DER CHASSIDIM 3. Die Chassidim führen bis auf den heutigen Tag ein Eigenleben, durch das sie sich von den andern Juden, besonders den „Mithnagdim", abheben, wenn auch nicht mehr so scharf wie einst. Es hat Zeiten gegeben, — nicht nur nach dem Bannfluche des Wilnaer Gaon, sondern auch viel später, — in denen Chassidim und Mithnagdim miteinander keine Ehen eingingen und nicht beieinander speisen wollten, da sie gegenseitig die Speisen als nicht rituell betrachteten. Trotzdem standen die Chassidim nie außerhalb des offiziellen Judentums. Denn auch ihnen war und ist der Schulchan Aruch der maßgebende Kodex des religiösen Lebens. Nur daß sie es in unwesentlichen Dingen mit den Buchstaben dieses Kodex, der das Leben von der Geburt bis zum Aushauchen der Seele streng reglementiert, nicht genau nehmen. Beispielsweise mit der Zeit zum Beten. Die Mithnagdim verrichten zu einer bestimmten Zeit, in früher Morgenstunde, ihr Gebet, denn so will es der Schulchan Aruch. Der Chassidismus meint, jede Tagesstunde sei gleichwertig, um vor Gott das Herz auszuschütten. Wer in den Gebetsformen nicht allen vorgeschriebenen Regeln nachkommt, wird von den Mithnagdim als ein Sünder angesehen. Wer gehörig die Gebete nicht versteht, ist in ihren Augen als Ignorant minderwertig. Nicht so die Chassidim. Nicht die äußere Form, nicht das Tun ist ihnen die Hauptsache, sondern die Kawanah, die Herzensandacht. „Ein Jude," so sagt der Baal Schern, „geht den ganzen Tag auf dem Jahrmarkt herum. Gegen Abend beim letzten Tagesstrahl fährt er auf und sagt sich: Weh, ich könnte ja das Minchah-Gebet vergessen. Er geht in ein Haus, verrichtet das Gebet, ohne zu wissen, was seine Lippen sagen, und dennoch erzittern alle Himmelsscharen bei diesem Gebet."

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