Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 647 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Palästina 647 sein können, bis die Zeit kam, da der offizielle Sozialismus offiziell erlaubte, Nationalist zu sein. Überhaupt, für unser Volk arbeiten, wie jeder lebende Mensch für sein Volk arbeitet, oder wie viele von den Unseren für andere Völker gearbeitet haben oder arbeiten, sich vollkommen den Idealen unseres Volkes hingeben _ das heißt noch heute bei uns: zu engherzig. Das beweist euch nicht nur jeder Theoretiker, sondern jeder Berufene und Unberufene. Und nicht selten kommt es vor, daß man euch, wenn ihr von der Ganzheit des Volkes sprecht, „Klal-Jisroel-Politik!" vorwurfsvoll zuruft. Die Haltlosigkeit unseres Lebens führt dazu, daß wir Luftmenschen sind, nicht nur ökonomisch, sondern auch geistig. Wir schreien stets „Menschheit" lauter als alle Menschen, nicht weil wir wirklich ethisch höher stehen als alle, sondern weil „Menschheit" eine Abstraktion ist, ein Luftbegriff, — im Leben gibt es nur Völker; und in Wirklichkeit arbeiten wir, obwohl wir „Menschheit" schreien, doch nur für das Volk, unter dem wir leben, nur nicht für uns selbst. Unsere geistige Welt ist eine Art Spinngewebe aus Äther, aus fremder Luft. Sie ist nicht aufzuzeigen, nicht anzutasten. Nur wer sein eigenes, grundeigenes, lebendiges Denken hat, kann an unserem Leben und auch an unserer Literatur erkennen, wie tief wir verknechtet und hypnotisiert sind. Wir fühlen selbst nicht, wie tief das fremde Leben in unserer Seele herrscht, unseren Willen und unsere Gedanken am Gängelband führt, auf unser Schaffen einwirkt, so daß wir nicht mehr wir selbst, sondern irgend welche andere sind. Und wie oft seht ihr bei uns einen Menschen, der nach seiner geistigen Physiognomie, so scheint es, vollkommen der unsere ist, ein Enkel des alten Israel, in dem aber doch eine Art wandernde Seele aus einem fremden Leben mit fremden Gedanken und Gefühlen lebt, die aus ihm redet und wirkt, während er ganz ernst glaubt, daß er es selbst sei. Wir empfinden die fremde Wirkung nicht und können sie nicht empfinden, weil nur der empfinden kann, wie Gefühle und Gedanken aus fremden Welten wirken, der seine eigene Welt hat, die aus seinem eigenen Leben, aus seiner eigenen Seele emporgewachsen ist. Wir aber, in heutiger Zeit, haben keine eigene nationale Weltanschauung, das heißt eigentlich, wir legen uns keine bewußte Rechenschaft ab über unser eigenes national-psychologisches Verhältnis zum Leben und zur Natur. Denn die Weltanschauung unseres vergangenen Lebens, die für unsere Eltern getaugt hat (und daher empfanden sie ja auch die geringste fremde Wirkung so tief), taugt für uns nicht mehr; und ein neues Leben, ein national selbständiges Leben, das uns die Möglichkeit gäbe, eine neue nationale Weltanschauung zu schaffen, haben wir nicht. Daher wissen wir nicht, wo und wer wir in der Welt sind. Und wenn sich daher bei uns eine nationale Lebensfrage erhebt, haben wir keinen einheitlichen nationalen Willen, um den Weg zu dem zu finden, was wir suchen, sondern—soviel verschiedene Willen, als es Richtungen unter uns gibt. Das sehen wir in allen unseren gegenstandslosen Kämpfen, die ohne Ende sind, um Dinge, die niemals bewiesen werden können, die sich einzig und allein an die Lebendigkeit und Tiefe des nationalen Gefühls wenden. Ich schreibe das alles, nicht um irgend jemand zu beschuldigen, im Gegenteil, ich wollte deutlich zeigen, daß es hier keine Schuldigen gibt. Ich wollte, daß man begriffe, daß wir einander nicht deshalb nicht verstehen, weil der oder jener einen kleinen Verstand, einen engen Horizont, wenig Wissen oder geringen Ernst hat, seinem Volk untreu ist und dergleichen, sondern weil wir kein nationales und damit kein einheitliches Leben führen, weil die verschiedenen Strömungen des fremden Lebens uns nach verschiedenen Seiten tragen. Da ist keine Schuld