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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10 (Januar 1917) · p. 646

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 10 (Januar 1917)
Article
Briefe aus Palästina
Date
1917-01-01
Page
646 (sequence 4)
Language
German
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646 A« D. Gordon: Zweiter Brief Meine Freunde! Was kann, sollte man glauben, einfacher und klarer sein als der Gedanke, daß wir alle, das ganze jüdische Volk, eins sein, einen Willen haben, nach einem Ziele Streben müßten? Und besonders jetzt, in diesem schweren Augenblick, da bei uns alles zerstört und vernichtet wird, so daß es schwer zu sagen ist, wo die Vernichtung größer ist, in den Golusländern oder in Palästina, unserer letzten Zuflucht, und es keine Hoffnung mehr gibt, außer auf uns selbst — worüber, sollte man rheirien, müßten wir mehr nachdenken, wonach mehr streben, als nach Vereinigung aller unserer Willen zu einem nationalen Wollen, aller unserer Kräfte zu einer nationalen Arbeit? Was ist, sollte man denken, da viel zu fragen, zu erklären, zu reden? Und doch ist das bei uns eine bittere, tiefe Frage, — gerade weil <fas bei uns eine Lebensfrage ist. So sind alle unsere Lebensfragen, so ist unser ganzes Leben, weil es kein Leben ist, nicht von uns und nicht nach unserem Maß Und Ebenbild geschaffen. Unser Leben ist nichts als das Werg aus fremdem Flachs, ein Abfall des fremden Lebens und so verstrickt im fremden Leben, daß wir nicht feststellen können, wo das eigentlich beginnt und endet, was wir unser Leben nennen. Es gibt auf der ganzen Welt kein Volk, das sich in so eigenartig tragischer Lage befände. Wir haben nicht einmal die drei realen Grundsäulen, deren auch ein politisch unselbständiges Volk nicht entraten kann: Land, Sprache und Arbeit. Wir haben weder unser Land, noch unsere einzige lebende nationale Sprache, die Sprache unserer Seele, noch unsere national-ökonomische Arbeit. (Wenn wir auch in den Golusländern arbeiten und in großen Massen arbeiten, so ist unsere Arbeit doch nicht national-ökonomisch, sondern sozial-ökonomisch, weil wir durch sie nicht unser national-ökonomisches Leben schaffen. Chinesen z. B. arbeiten national-ökonomisch in China, aber nicht in Amerika. Und daher steht bei uns der Sozialismus in höherem Ansehen als bei anderen, d. h. das soziale Ideal wirkt auf uns stärker als das nationale.) Wir haben nicht das Tiefste des Lebens: den nationalen Willen, das nationale Denken, das heißt, uns fehlt die nationale Seele. Und was ist tragischer, beinahe kann man sagen, tragikomischer: gerade in der Zeit, da unser Golus am finstersten war, da wir in einem besonderen Ghetto eingeschlossen waren, hatten wir noch einigermaßen einen nationalen Willen, eine nationale Seele. Aber damals hatte unser Wille, unsere Seele keinen Körper und daher auch — keine Kraft. Wir lebten in der Vergangenheit, in der Welt unserer Eltern, das heißt —■ in der Luft. Jetzt, da es bei uns etwas heller ist, da wir immerhin einen Körper, eine Kraft zu fühlen beginnen, — haben wir keinen Willen, keine Seele. Wir leben in fremden Welten, das heißt — wieder in der Luft. Unser Wille, unsere Seele ist in so viele Stücke zerrissen, unter wieviel Völker wir zerstreut und aufgeteilt sind oder wieviel es bei diesen Völkern Parteien gibt, wieviel Ideale und Theorien sich aus ihrem Leben schaffen lassen. Bei uns tritt der nationale Wille, das nationale Ideal hinter jedem Parteiwillen, jedem Ideal, jeder Theorie zurück. Sogar uns als Volk zu fühlen, uns selbst einzugestehen, daß wir national leben wollen, hatten wir nicht die Kühnheit, solange andere nicht den Nationalismus offiziell für erlaubt erklärten, das heißt, solange ihr Leben sie nicht dazu gebracht hätte, in einer Theorie das zum Ausdruck zu bringen, was in ihrer Seele und in ihrem Leben niemals zu wirken aufgehört hatte. Bei uns zum Beispiel hat einer Zionist sein und sogar in Palästina arbeiten und zu gleicher Zeit Anti-Nationalist

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