Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 645 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Briefe aus Palästina glänzen und duften und in der ganzen Welt einen klingenden Namen haben. Und von außen stürmen böse Winde, die mit einem Sturm fast alles von dem wenigen Tauglichen, das hier eingepflanzt ist, ausreißen, fast alles, was wirklich zu leuchten beginnt, auslöschen. Einen Trost haben wir, d. h. alle, die fest stehen und fest stehen können: daß wir die Schmerzen fühlen, fühlen bis auf den Grund. Wir sind jetzt gleich einer Frau, die jahrelang keine Kinder bekam, so sehr sie auch Gott darum bat, — und plötzlich fühlt sie, daß sie schwanger ist. Sie freut sich über jeden Schmerz, sie hat nur Angst, vielleicht ist der Schmerz zu gelinde, vielleicht ist es nicht das. Im Golus haben wir diese Schmerzen nicht gefühlt. Das sind die Wehen des Schaffens und sie geben uns Mut und Hoffnung, daß wir alles überstehen werden. So kommen wir mit festen Schritten zu unserer schweren, finsteren Lage. Zu anderer Zeit hätte mein Gruß vielleicht voller, schöner, wärmer sein können. Ich habe auch keine Einzelheiten geschrieben und überhaupt kein Bild gegeben. Das finde ich jetzt nicht wichtig. Das könnt ihr aus anderen Quellen schöpfen und ich werde vermutlich auch noch dazu kommen, über alles in seinen verschiedenen Seiten zu reden. Meine Absicht ist jetzt nicht, bei euch für Palästina Interesse zu erwecken: es wäre überhaupt sehr schlimm, wenn ich bei euch, meine Freunde, erst Interesse erwecken müßte. Bei jemand Interesse erwecken heißt nicht, ihn für immer gewinnen, gewinnen mit Leib und Leben, — und Erez Israel fordert von euch Leib und Leben oder es fordert nichts. Ihr seid Juden, solche Juden, wie wir in Palästina. Meine Absicht ist, euch nicht so sehr darauf aufmerksam zu machen, was ihr für Palästina tun müßt und könnt, als vielmehr darauf, daß Palästina für euch mehr tun kann, daß es euch mehr geben kann als ihr ihm. Und nur dann, wenn Erez Israel euch etwas Lebenswichtiges gibt, nur wenn ihr in ihm das sucht, was ein Jude nirgends sonst finden kann, was tief in jeder jüdischen Seele fühlbar ist, ohne daß es einen Ausdruck finden kann, weil es keinen Ausdruck besitzt, weil es nach einem solchen erst in Palästina sucht, — erst dann könnt ihr etwas Wesentliches für Palästina tun. Sehr schlimm, sehr schädlich würde es für euch und für Palästina sein, wenn ihr ihm nur geben und nichts von ihm nehmen würdet. Mutter Erez Israel ist keine Schnorrerin. (Und gerade deshalb gibt es hier so viele Schnorrer, weil sie nur von anderen zu nehmen verstehen und nicht von ihr, im besten Fall von ihr nur das zu nehmen wissen, was sie bei anderen viel leichter hätten bekommen können.) Solange ihr nur gebt und nichts nehmt, gebt ihr nur solches, was zum Schnorrer macht, ihr seid aber auch imstande, eurerseits etwas zu geben, das sich auch in die neuen Lebensschichten senken kann. Es wäre schon längst an der Zeit gewesen, darüber nachzudenken, wie nötig die Schaffung einer lebendigen Verbindung wäre, eines lebendigen Verkehrs zwischen den Juden in Palästina und den Juden in anderen Ländern. Jetzt hat das Leben selbst die Angelegenheit auf die Tagesordnung gestellt. Und das ist vorerst der einzige Nutzen, den wir aus unserem jetzigen nationalen Ruin ziehen können. Dieses Einzige hat aber einen sehr hohen Wert, das heißt, der Wert kann so hoch sein, wie tief wir die Sache fühlen und verstehen wollen und wie sehr wir von ihr Gebrauch machen können. Und das hat mich hauptsächlich jetzt zum Schreiben veranlaßt. Aber dieser Gegenstand fordert einen besonderen Brief. Einstweilen — Vertrauen, Mut und Arbeit! Das brauchen wir alle, wir und ihr. Lebt wohl!