Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 644 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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$44 A. D. Gordon: Wenn ihr euch aber mit einem grundoffenen Herzen nach Palästina wendet, mit einem Herzen, das die Wehen des Schaffens nachfühlt, auch wenn sie in Krümmungen, in oftmals ganz unschönen Schreien ihren Ausdruck finden, — dann könnt ihr sicher sein, daß ihr auf euere Rechnung kommen werdet. Das ist der Vorzug von Palästina für uns, daß wir in ihm bei uns sind, bei uns in allem, was wir sind und was wir erleben — ob wir es nun fühlen oder nicht. Da bleibt alles unser: unser Eingreifen, unsere Versäumnis, unser Licht, unser Schatten, unsere Freuden, unsere Leiden. Sorgen mit allem Zubehör, in allen Arten und Farben habt ihr dort, in anderen Ländern vielleicht nicht weniger wie wir hier, — aber euere Sorgen haben keinen Sinn, das sind Sorgen für nichts und wieder nichts. Hier aber, in Palästina, mögen die Sorgen noch so bitter, herb, schrecklich sein, sie haben einen Sinn. Hier gibt es keinen Schlag, der verloren ginge, keine Sorge, die sinnlos wäre, — hier geht wirklich kein Funke, kein Ton verloren. Ist einer in Palästina, hat er etwas getan, etwas gelitten für unsere Sache, so mag er später auch, Gott behüte, bankrott machen oder gar außer Landes fahren, mag sein Tun ins Nichts zerfallen, —■ seine Energie, seine Hingabe, sein Leiden bleibt. Und dabei gibt es immerhin auch solche, die hier gesunde Samenkörner säen und selbst ihr Leben. Das alles wächst, von all dem legt sich um die Seele eine neue Lebensschicht. . . Das alles ist mikroskopisch klein, kaum daß man es sehen kann, — aber es lebt und mit der Zeit macht es sich auch fühlbar. Aber am deutlichsten fühlt man es, wenn man hier arbeitet, wenn man der offenherzigen, majestätisch lichtvollen, prophetisch vertieften Natur des Landes Auge in Auge, Herz an Herz, bei der Arbeit, gegenübersteht. Man arbeitet einfach, ohne Künste, manchmal schwer und derb, und doch erlebt man zeitweise etwas, das nicht besser auszudrücken ist, als daß man sich gewissermaßen organisch in die Arbeit der Natur selbst einarbeitet, in ihr Leben und Schaffen hineinwächst. Etwas erfaßt den Menschen so weltengroß, so himmelrein, so abgrundtief, daß es ihm vorkommt, als ob er auch Wurzeln in der Erde schlüge, die er gräbt, als ob er sich auch von den Sonnenstrahlen nährte, als ob er auch mit allen Gräslein, allen Palmen, allen Bäumen sich tiefer in die tiefe Natur, größer in die große Welt hineiniebte. Und wenn schwere Augenblicke kommen — und sie kommen sehr oft — und man erhält von außen, oder gar von innen, schlimme, sinnlose, unerwartete Schläge, Schläge, daß es einem dunkel vor den Augen, trübe im Herzen wird und man wie betäubt bleibt, — da kommt einem die alte Agadah in Erinnerung, und man denkt, daß es der Engel ist, der im Frühling mit einer Rute auf das Gräslein schlägt und ihm zuruft: „Wachse!" Und immer dasselbe. Die Woche ist länger als der Sabbat, die Zerstörung größer als der Aufbau, die Wehen stärker als das Schaffen. Die Wehen sind nicht zu ertragen, sind tief wie der Meeresgrund, weil die Kräfte klein, die Seelen kleinlich sind. Die ganze Größe dessen, was geboren werden muß, wird nicht umfaßt, der zweitausendjährige nationale Schmerz wird nicht als große Schaffenskraft für unsere Arbeit nutzbar gemacht. Es gibt keine Verständigen, die den Wert dieses ungeheueren Kapitals zu erkennen vermöchten. Kleine Händler und Mäkler auf kleinen oder auch auf großen Börsen. Alles ist klein, kleinlich. Parasiten aber haben wir aller Art: kleine und große, ökonomische und geistige. Unser Parasitentum haben wir aus dem Golus ungemindert hierhergebracht, frisch, gesund, kräftig. Und man sät es hier tüchtig aus, und es wächst ohne Regen und blüht und trägt Früchte, die