Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1917)
- Article
- Briefe aus Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 643 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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A. D. Gordon: Briefe aus Palästina 643 BRIEFE AUS PALÄSTINA Der palästinensische Arbeiterführer A. D. Gordon, von dem wir im i. Heft den Aufsatz „Arbeit" brachten, stellt uns das Manuskript von vier „Briefen" zur Verfügung, die, ursprünglich für ein breites ostjüdisches Publikum bestimmt, diesem demnächst im jiddischen Original bekanntgegeben werden sollen, die aber wohl den Westjuden nicht weniger zu sagen haben. Erster Brief Meine Freunde! Ich schreibe euch durch die Zeitung, weil ich glaube, daß das die richtige Adressenform ist. Ich glaube, auf diesem Wege werden euch meine Worte treffen, wo ihr auch seid. Es liegt mir daran, daß meine Worte nicht verloren gehen. Denn ich bin kein Korrespondent, Publizist oder Artikelschreiber. Ich bin ein einfacher Jude mit einem einfachen jüdischen Herzen. Ich will euch schreiben, euch, meine Freunde, wie ein einfacher Jude einen Brief an seine Familie schreibt, und zwar gerade über Familiensachen. Und ich glaube, es wird euch interessant sein, zu lesen, was ich schreibe, denn ich schreibe doch nicht nur von mir selbst, sondern von unserer alten guten Mutter, die, nebenbei gesagt, auch jetzt noch, trotz Verwüstung und Verarmtheit, so schön ist, daß manche jungen Mütter sich wünschen dürften, so schön zu sein. Was ist denn natürlicher als ein Gruß von der alten Mutter. Wir aber sind unserem alten Heim, einem Heim überhaupt so entfremdet, daß selbst ein Gruß von der Mutter uns kalt und versteinert klingt. Man fühlt — oder man erlebt noch tiefer als jedes Fühlen — Fremdheit vor der ganzen Welt, Verstoßenheit und Elend, und „Mutter" ist für uns fast zu kindlich, zu herzlich, zu menschlich. Verlassene Kinder, aber keine Waisen. Das Gefühl ist wie eingefroren, aber nicht tot. Es ist in jeder jüdischen Seele ein Funke vorhanden, wenn auch dem bloßen Auge unsichtbar. Und ein Funke ist genug. Man muß ihn nur zu behandeln wissen. Vor allem darf man nicht allzu sehr auf ihn losblasen. Das bringt ihn nur zu einem Aufflackern und Verlöschen, Man muß ganz allmählich Asche und Schutt des fremden Bodens abgraben, die ihn sticken und keine frische Luft einlassen» Man muß nur die Seele befreien, — der Funke wird schon das Seinige tun. Still, einfach, ernst müssen die Reden zur Seele sein; wahr, nackt müssen die Nachrichten sein, die man ihr von dem bringt, was ihr nahe und lieb ist. Das reinigt, das befreit, denn das bringt das Leben, wie es ist, und das Leben selbst kann auf der Seele spielen, auf allen Saiten des Gefühls und des Gedankens. Und so einfach ist mein Gruß aus Palästina. Alles ist in Palästina so einfach, werktägig wie überall. Ihr habt hier alle Kleinlichkeiten und, wenn ihr wollt, alle Niedrigkeiten wie überall. Und unsere nationale Arbeit ist so klein, so mikroskopisch klein — selbst in den guten Jahren —, daß man einen sehr hellen und scharfen Blick haben muß, um sie so zu sehen, wie sie wirklich ist. Denn Lärm, Gepolter und Feuerwerk, das auch in Palästina reichlich vorhanden ist, kann einer ernsten Seele nicht viel geben — außer Beleidigung und Ärger. Das alles müßt ihr wissen, meine Freunde, damit ihr nichts Besonderes erwartet und nicht enttäuscht werdet. 45#