Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Russische und jüdische Feldpost
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101348--0074-3101434- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 R. Bernstein: Abende bei Orchesterklängen und Chansonettenkouplets verbrachten. Und als Froimtschik in den Krieg zog, da weigerte sich der Besitzer, den Pachtvertrag zu erneuern. Eine Soldatenfrau war ihm eben nicht kapitalkräftig genug. Froimtschik zum Tröste konnte seine Frau berichten, daß sein Nachfolger ihm an Tüchtigkeit nicht gleichkam. __Die Freude am Besitz ist es, die die Sehnsucht des Bauern in bunten, schillernden Farben spielen läßt; er erkundigt sich nach seinem Pferde, Es soll nicht verkauft werden: „Vielleicht bleibe ich am Leben, und das Pferdchen ist zu schön. Vielleicht kommen wir mit Gottes Hilfe zurück und legen einen Gestüthof an, so einen wie des Grafen Scheremetjew seiner. Unser Pferdchen wird die Stammutter sein. Es ist von Olschanowher. Sein Herr war Ssilif Mitritsch Dorofejew. Er wohnt nicht weit von David. Jetzt ist er im Dienst mit mir zusammen und sagt: Hüte mein Pferd, seine Mutter ist zum Krieg ausgehoben worden für 280 R. und ich habe, sagt er, um das Pferd geweint. Es ist ein gutes Pferd, stattlich, leicht. Möchte es gern mal wieder sehen." Die Bäuerin berichtet gewissenhaft, was sie in der Wirtschaft verkauft und gekauft hat, hält sich bei den kleinsten Einzelheiten auf; dagegen vermeidet es die jüdische Krämersfrau, dem Papier ihre Geschäftsgeheimnisse und ihre materiellen Verhältnisse anzuvertrauen. Als ob sie fürchtete, daß jemand es ihr mißgönnen würde, als ob das Geldverdienen etwas Strafbares wäre — und so ist es auch, denn von tausend Verboten umlauert, weiß der kleine jüdische Kaufmann weder aus noch ein — teilt sie das Geschäftliche in flüchtigen Sätzen mit, auf jüdisch, in einem im übrigen russisch geschriebenen Brief. Die jüdische Sehnsucht kennt nur wenig dieses gefällige sich Ausbreiten, dieses zärtliche Hängen an Dingen, dieses Streicheln und Liebkosen lebloser Gegenstände. Selten, an einem Feiertage mal, da umschleiern sich ihre Umrisse und gewinnen eine beschauliche Sanftheit und Milde. „Und nun in betreff des Passahfestes. Den Wein habe ich abgezogen, es ist ein köstlicher Wein, ich werde für dich 5 Flaschen davon aufbewahren, die Stuben sind geweißt, es ist schön sauber, die Wäsche habe ich gewaschen, es fehlt nichts, Geld ist da für Mazze und Geflügel. Mit einem Wort, wir werden nicht hungern, allein du fehlst uns und darum ist mir das Leben nicht lieb. Wenn ich aufräume und wasche und mich plötzlich frage, für wen, fallen mir die Hände in den Schoß, ich weine bittere Tränen. Ich habe eine Ahnung, als ob du bald zu Hause sein würdest."*) Durch allerlei Hemmungen getrübt ist die Freude des russischen Juden am Besitz, an den Gütern dieser Welt. Sich ängstlich umschauend, huscht an ihnen sein Sehnen vorüber, und nur in einer Empfindung kann es sich auslösen, sein Sehnen und sein Hoffen — für die Lieben. Die jüdische Frau wird wohl im großen ganzen etwas zurückhaltender sein in ihren Liebesbezeugungen als die russische, sie ergeht sich nur selten in Kose- und Klagebriefen, auch wären ihr Ausdrücke, wie „Und ich küsse Dich auf die roten Lippen, auf den zuckersüßen Mund" wohl wesensfremd, aber in sinniger, sich anschmiegender Zärtlichkeit steht sie der andern nicht nach. „Mein teures Alterchen, es macht uns nichts Freude, ich bin ergraut und gealtert, aber wenn du wieder zuhause bist, werde ich mich verjüngen. Dann erst werden wir es wissen, wie man das Familienleben schätzen muß. Es ist das eine gute Lehre für schlechte Frauen, aber ich war, glaube ich, keine schlechte Frau. Ich weiß nicht, *) Aus einem russisch geschriebenen Brief.