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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 49

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Russische und jüdische Feldpost
Date
1916-04-01
Page
49 (sequence 3)
Language
German
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Russische und jüdische Feldpost 49 haben sehr viel über dich nachgedacht/' schreiben die Eltern an ihren Sohn, „du kannst es dir gar nicht vorstellen, welche Gedanken wir uns über dich gemacht haben, Lieber, Teurer und Treuer... Es gibt ja gar nicht so viel Papier und Tinte, um dir zu beschreiben, was wir nur deinetwegen jübertrachten* ".*) Und da schreibt wieder einer aus dem Heeresdienst: „Groß sind die Leiden. Meine Leiden werde ich dir nicht beschreiben können. Ich sehne mich so nach der Heimat zurück44.*) Nie werden die Leiden näher beschrieben, wir erfahren nicht, welcher Art die Gedanken der Daheimgebliebenen und der im Felde Stehenden sind, „es gibt eben nicht so viel Papier und Tinte"; es ist ein stilles Duldertum, das nicht laut werden darf: „Freund Schlojme! ... Du schreibst, ich soll dir nicht so wie vorhin schreiben, also nicht alle meine Erlebnisse mitteilen. Jetzt kann ich deinem Wunsche entsprechen, denn nur im Traume noch sehe ich jetzt die Geschosse platzen. In der Wirklichkeit aber sehe ich's Gottseidank nicht mehr/**) Die Gesundheit der Familienmitglieder spielt in der jüdischen Feldpost ganz entschieden eine bedeutendere Rolle als in der russischen. Der Russe kommt nicht über allgemeine Segenswünsche, „wohl und munter", „heil und unversehrt" heimzukehren hinaus. Eine russische Mutter berichtet: „Ich teile dir mit, daß wir wohl und munter sind und daß alles in Ordnung ist, obzwar Njunja erkrankt ist, aber es wird nicht schlimm sein, 's wird schon vorüber gehn. Sie hat heftiges Fieber im ganzen Körper. Die Kuh ist gesund, sie hat ein Kalb geworfen, ein schönes Kälbchen. Das Ferkelchen ist auch schön groß geworden." Gegenstück aus dem Brief einer jüdischen Mutter: „Ich schrieb dir gestern, daß unser Glück erkrankt ist. Jetzt berichte ich dir über den heutigen Tag. Ich erhob mich, obgleich ich die Nacht nicht geschlafen hatte, und musterte Evchen. Sie hatte doch Fieber. Ich ließ sofort Schlesinger holen. Kindchen, ich gebe auf unseren Trost behutsam acht. Ich bitte dich, Kindchen, verzeih, daß ich dir mitteile, was sich bei uns zuträgt, nämlich, daß Evchen krank ist. Gräme dich nicht. Ich werde keine Ausgaben scheuen, was nur für das Kind nötig sein wird, werde ich tun. Es kommt zu uns jedenfalls ein guter Doktor, der Schlesinger. Da ich mich nicht auf einen unerfahrenen Arzt verlassen wollte, ließ ich sofort Schlesinger holen".**) Die Bäuerin hat eben nicht nur für ihre Kinder zu sorgen, sondern auch noch für die Kuh und das Kälbchen, das Ferkelchen und die Hühner. Den Wert ihrer Wirtschaft, ihres Anwesens, schätzt sie ebenso hoch ein, wie die Leistungsfähigkeit ihres „Ernährers" und der heranwachsenden Brut. Und der Mann an der Front hängt dem Gedanken an die Familie auch nicht überwiegend nach, er sorgt sich zum mindesten so stark um Haus und Hof: „Schreibe mir, wie das Wetter bei euch ist, wie es um deine liebe Gesundheit steht, wie es unserem Kühlein und unserem Apfelbaum geht. Ist er nicht erfroren? Und schreibe, was du Gutes machst. Schreibe, ob du die Gage erhalten hast oder nicht." Sie ist schön, die Sehnsucht nach dem heimatlichen Himmel, nach Weib, Kühlein und Apfelbaum. Der Jude aber sät und erntet nicht. Froimtschik durfte seinen Garten nur pachten. Und der Garten, den er pachtete, das war kein Gemüse- und kein Obstgarten, sondern ein sogenannter Vergnügungsgarten, ein Etablissement, wo die Bürger im Sommer ihre *) Aus einem jiddisch geschriebenen Brief. **) Aus einem russisch geschriebenen Brief. Hriti. A

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