Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Russische und jüdische Feldpost
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 51 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Russische und jüdische Feldpost wie du meinst. Ich glaube es nicht. Verzeih mir diese überflüssigen Worte und sei nur nicht böse. Ich würde am liebsten meine Seele in den Brief schließen.*)" Oder: „Sonst sind wir, Dina und ich, gottlob gesund und warten nur auf unser Papachen. Du bist für mich ein Vater, wie für Dina. Wer soll mir beistehen, Vater und Mutter habe ich nicht, du bist mir Vater und Mutter, sonst habe ich niemand. Bleibe heil und gesund und ein Vater für unser Töchterchen.*)" Wenn es sich um das Kind handelt, wird die jüdische Frau mitteilsam und beredt. Die kleine Dina lernen wir aus den mütterlichen Schilderungen kennen, wie sie leibt und lebt: „Es ist wahr, Dina ist ein hübsches Mädel, nur der Papa fehlt ihr!" „Sie ist ein braves Mädel, treibt sich nicht herum, sitzt zuhause bei der Mama, aber sie gehorcht nicht der Mama." „Sie ist rundlich, wie eine frische Gurke, nur gehorcht sie nicht der Mama." „Sie will schon ein langes Kleid haben und weiße Handschuhe, um nicht wie irgend eine Soldatentochter auszuschauen." „Für die 5 Rub., die Du Dina geschickt hast, werde ich ihr Halbschuhe kaufen. Ihr Geburtstag wurde gefeiert, ich habe ihr einen Kuchen gebacken, und ihre Schulfreundinnen waren gekommen, haben getanzt. Da hat unsre Dina ihr Vergnügen gehabt. Sie weinte und klagte, Papa ist nicht da, ich werde keinen Geburtstag haben, nun hab* ich ihr die Freude gemacht." „Was ihr Auge sieht, das häkelt und strickt sie." „Ich leide gottlob keine Not, wir essen und trinken, was die Seele begehrt. Fische sind billig, wir haben mal gekochte, mal gebratene. Sonst ist alles teuer, aber mit den 30 Rub. und 10 Rub. vom Stadtamt schlage ich mich durch. Habe Dina sogar zwei Kattunkleider gemacht und sie ist wie ein Püppchen angezogen, nur du bist nicht mit uns, mein teures Alterchen." „Die Wahrheit gesprochen, haben wir noch keine Not gelitten in diesen 9 Monaten. Dina hat sogar einen Leckerbissen, wenn sie Lust dazu hat, nur ist uns, mein Teurer, das Leben ohne dich nicht lieb." „Heute ist Freitag. Dina hat den Samowar blank, wie Gold, geputzt, wenn sie will, kann sie alles, sie hat sich einen Hut selbst gemacht, goldene Hände hat sie. Mit dem Lernen war es aber nicht besonders dieses Jahr, ich vertraue auf Gott, daß sie sich vorbereiten und die Nachprüfungen bestehen wird."*) Die hübsche kleine Dina scheint noch nicht zu wissen, daß ein jüdisches Mädchen lernen muß. Und das ist die größte Sorge der Mutter, „denn es ist kein Spaß, das Mädel war faul, was soll man tun, es ist unsere Schuld." Die Hoffnungen und Erwartungen, die der russische Bauer in seinen Boden und in sein Hauswesen setzt — denn sein Ehrgeiz, wenn er tüchtig ist, besteht darin, seiner Nachkommenschaft das Gut vermehrt zu hinterlassen, „womit werden wir uns vor unsern Kindern rühmen?" —> diese Hoffnungen setzt der Jude in seine Kinder. Dem Bauer können die Angehörigen keine größere Freude machen, als wenn sie ihm mitteilen, daß sein Söhnchen sich schon in der Wirtschaft nützlich zu machen versteht; seine Wünsche gehen nicht über Haus und Hof hinaus. Der Jude hat nichts und möchte, daß seine Kinder was anderes, was Besseres werden. Die Mutter wäscht und scheuert selber, beköstigt fremde Leute und vermietet Zimmer ab, das Töchterchen aber muß aufs Gymnasium, soll ein Fräulein, eine wohlerzogene, gebildete junge Dame werden. Das Kind ist der „Trost", das „Glück", die „Hoffnung", Berlin R. Bernstein *) Aus einem russisch geschriebenen Brief. 4*