Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Russische und jüdische Feldpost
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 48 (sequence 2)
- Language
- German
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48 R. Bernstein: kommen, teurer Sohn Boruchl, immer sollen seine Augen auf dich schauen, und daß du unter gute Leute kommst. Hilf dir Gott, wo du dich kehren und wenden magst."*) Für den Bauern aus Rjasan genügt es, Landsleute zu treffen, um sich behaglich zu fühlen und sich schließlich sogar mit dem Todesgedanken auszusöhnen: unter Menschen ist auch der Tod schön. Dem Juden muß das Schicksal aber schon weiter entgegenkommen, es muß ihm „gute" Menschen schicken, denn ein Tod unter feindlich gesinnten, übelwollenden, ein Tod unter Feinden für Feinde könnte nicht schön sein, wäre nur grauenhaft. Mit feiner Ironie, wie sie vielleicht nur der Jude sein eigen nennen könnte, dem des öfteren Gelegenheit geboten wird, seine Menschenkenntnis zu bereichern, schildert Schlojme, der Artillerist, wie seine Kameraden im Schützengraben für ihn zu Gott beteten: „Lache nicht, kannst versichert sein, daß sie für mich beteten. Erstens konnte ich sie von dort herausholen, sie neben mich stellen und ihre Arbeit machen lassen, ich bin nicht verpflichtet zu tun, was ihnen zukommt, ließ sie aber nur dann kommen, wenn ich ihrer wirklich bedurfte, so daß ich mitunter auch ihre Arbeit verrichtete. Zweitens, wenn ich nicht mehr da wäre, hätte mich ein anderer ersetzen und meine Pflichten übernehmen müssen. So haben sie denn aufrichtig für mich zu Gott gebetet. Und ich war ruhig, hatte keine Angst, so daß sie gar nicht mehr wissen, für wen sie mich halten sollen und wie ich es in dem Feuer ausgehalten habe. Und sie wissen nicht, wie sie mir dafür danken sollen, daß ich sie nicht gezwungen habe, ihre Arbeit zu verrichten und allein getan habe, was sie hätten tun müssen."*) Sie beteten für ihn und dankten ihm, aber Schlojme, der Artillerist, machte sich keine Illusionen. Er weiß die Gefühle seiner Kameraden richtig einzuschätzen, und seine Angehörigen auch. Und daher leiden sie so, die jüdischen Mütter und Frauen. Genau, wie die russischen Bäuerinnen, wehklagen und jammern sie „besonders in dunkeln Nächten, bei kalten Regenschauern". „Wir haben es warm und trocken, und er, der Arme, ist erfroren, hungrig und durchnäßt." Genau wie die russische Bäuerin wird die jüdische Frau durch Wiederholen von Gesundheitsformeln und Segenswünschen die Kugeln besprechen, die Gefahr abwenden, das Wiedersehen herbeizaubern wollen. Die eine wird den Erzengel Michael, Johann den Krieger, die heil. Mutter Gottes von Kasan beschwören, Amulette und Heiligenbilder ins Feld schicken, die andere zu Gott beten und fasten: „Nun, was soll ich dir schreiben, teurer Froimtschik. M. hat seiner Frau geschrieben, daß du und W. in die Stellung geschickt worden seid, sie zeigte mir den Brief, ich war starr; habe einen Tag für dich gefastet, auf daß Gott sich deiner und unser erbarme. Es wird schon werden, ich hoffe, daß. Gott uns helfen wird und ihr alle bald zu euren Frauen und Kindern heimkehren werdet. Was wird das für eine Freude und ein Fest sein in der ganzen Welt. Gebe Gott, daß die Unsrigen siegen und daß dem Leide ein Ende gemacht werde".**) Genau so, wie die russische Frau, in denselben Worten beinahe —■ eine gleiche religiöse Inbrunst erfüllt sie — bringt die jüdische Frau ihre Angst und ihr Bangen zum Ausdruck, und anders noch, und gequälter noch ist ihre Angst. Nicht die leibliche Not allein ihres Sohnes, ihres Mannes peinigt sie. Die Befürchtung, die Lieben im Felde könnten Demütigungen ausgesetzt sein, das ist es, was manchen Äußerungen aus jüdischem. Munde einen besonders schmerzlichen Zug verleiht. „Wir *) Aus einem jiddisch geschriebenen Brief. **) Aus einem russisch geschriebenen Brief.