Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Russische und jüdische Feldpost
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 47 (sequence 1)
- Language
- German
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R. Bernstein: Russische und jüdische Feldpost 47 RUSSISCHE UND JÜDISCHE FELDPOST Unter Menschen ist auch der Tod schön", sagt der Russe. Und da ihm im „fühlenden Schauen und schauender Erfühlung einer unermeßlichen Weite der Heimat und des Reichs" die Heimat die Welt bedeutet, so lebt und stirbt er am liebsten unter Landsleuten, und nichts ist ihm schmerzlicher im Felde, als das Entbehren von lieben Nachbarn. „Es betrübt mich sehr," schreibt ein russischer Soldat an die Seinen, „daß ich weder Landsleute noch Bekannte um mich habe." Fern von seiner Sippschaft fällt er der Todesangst anheim, der er in verzweifelten Abschiedsbriefen Ausdruck gibt, „Und lebet wohl, all ihr Verwandten, Eltern und ihr, Nachbarn, ich werde euch nimmer wiedersehen," Dieses herzzerreißende Abschiednehmen ist so bezeichnend für die kindliche Unbeholfenheit und Wehrlosigkeit der russischen. Soldatenseele, die im Kampfe mit dem Todesgedanken keine ideellen Werte auszubilden vermag, wie Patriotismus, „heiligen Haß" usw. In zärtlicher Ängstlichkeit schmiegt sie sich aneinander, diese aus allen Ecken und Enden des heiligen Rußlands zusammengetriebene Herde. „Elissej ist hier mit mir," heißt es in einem Briefe, „der einzige von den Unsrigen, aus der Nachbarschaft sind nur wenige, bloß sechse; die übrigen sind aus dem Gouvernement Rjasan und Tambow — lauter russisches Volk", fügt der Schreiber mit sichtlicher Genugtuung hinzu. In diese gleichartige Masse russischen Volkes sind sie nun hineingesprenkelt, die Juden, die Polen, die Deutschen. Ihn, den Juden, wird das herdenmäßige Zusammengehörigkeitsgefühl wohl kaum miteinschließen, unter russischem Volke wird ihn kaum die Wärme, die instinktive Gemeinschaft umfangen, die die andern zusammenschweißt. Die gutmütige Herde wird ihn abstoßen, sie ist zuweilen böse und grausam gegen den Außenstehenden, unbewußt grausam, vielleicht auch bewußt, denn wie sollte sie gegen systematische Verhetzung unempfindlich bleiben. Für jeden einzelnen Juden wird sein Los in der russischen Armee zum Glücksspiel — mit ungünstigen Würfeln leider, denn er bringt es mit, sein unheilvolles Geschick, der arme Salmon Leiser, er bringt es in seinen Augen mit, die haben die unselige Stelle gelesen in dem Briefe von seiner Frau, und da heißt es unter anderem; „Weiter schreibe ich dir, daß 700 Familien, die man aus dem Kownaer Gouvernement vertrieben hat, nach Berdjansk verschickt worden sind. Es wurde gesagt, sie hätten unser Militär verraten, und sie werden als Spione betrachtet. Kurz, es ist schlimm. Man hat für sie in Berdjansk Schuppen gemietet, die Talmudtora ihnen zur Verfügung gestellt, und die Stadt speist sie. Man braucht für sie 150 Rubel den Tag. Kurz, die Teuerung ist sehr groß, und die Juden werden geschlagen."*) Salmon Leiser weiß, daß, obgleich er sein Leben für Rußland opfern geht, die Juden „geschlagen werden", und die andern wissen das auch. Sehr ungünstige Würfel bringt er sich mit, und daher zittert um ihn doppelt seine Mutter, seine Gattin, daher schreiben die Eltern des Boruchl aus Raschkow in ihrem Briefe vom 23. Mai 1915: „An meinen lieben und teuren Sohn Boruchl, er soll leben und gesund sein . ♦. Man hört sonst nichts Gutes. Möge dir Gott stets zu Hilfe *) Aus einem jiddisch geschriebenen Brief,