Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Emanzipation und Entjudung
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 45 (sequence 3)
- Language
- German
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Emanzipation und Entjudung 45 treten zu müssen; die Vernunft und die gesunde Politik aber erfordern es. Wir müssen die Rechte der Portugiesen verteidigen, selbst wenn sie den deutschen und avignonischen Juden nachteilig werden.*1 Mit denselben Prinzipien und Methoden bewaffnet nahmen sie auch den Kampf für ihre Emanzipation auf. Der alles bespöttelnde Voltaire machte auch mit dem Judentum keine Ausnahme und schrieb damals in einer Abhandlung über Juden und Judentum alles, was Antisemiten von jeher gegen Juden zu schreiben gewohnt waren. Um die angegriffene Ehre der Juden zu verteidigen, trat derselbe de Pinto auf. Aber wie merkwürdig erfaßte er seine Aufgabe. Er gab sich keine Mühe, die uralten und stereotypen Verleumdungen Voltaires zu prüfen. Im Gegenteil gesteht er von vornherein, daß alle Beschuldigungen Voltaires richtig seien. Die Juden seien in der Tat moralisch tief gesunken, kulturell rückständig, wirtschaftlich schädlich und geistig verkrüppelt. Aber das seien nur „jene" Juden, die dort im Osten des Landes zusammengedrängt leben und an „mittelalterlichen Sitten" festhalten. Sie aber, die Portugiesen, hätten mit diesen „Juden deutscher Zunge" nichts gemeinsam. „Ein Jude von Bordeaux" —• versicherte de Pinto —■ „und einer von Metz scheinen zwei ganz verschiedene Wesen zu sein." Sie, die Portugiesen, unterschieden sich von „jenen" vorteilhaft „in Sprache, Kleidung, Haltung und Eleganz", trügen keinen Bart, verkehrten nicht mit „jepen", gingen keine Ehen mit ihnen ein und hätten sogar andere Gebetbücher und Riten. Herr Voltaire scheine daher nur schlecht orientiert zu sein, wenn er diese „verschiedenen" Wesen miteinander verwechsle. Selbstverständlich sind die Herren de Pintos keine Antisemiten. Sie sind stets äußerst liberal und wissen auch für ihre „Glaubensgenossen im Osten" ein gutes Wort zu verlieren. Die Unglücklichen — so argumentieren sie —• hätten nämlich gar keine Schuld daran, daß sie geistig so verkrüppelt seien; „die Verachtung, mit der man sie niederbeugt, erstickt in ihnen den Keim der Tugend und Ehre" ... Einer dieser „geistig Verkrüppelten", in denen „der Keim der Ehre und Tugend erstickt" war und dem diese Herren ihren Statuten gemäß den Zutritt in ihre Gesellschaft versagt hätten, erlaubte sich später auf diese Schrift de Pintos mit der sarkastischen Bemerkung zurückzukommen: „Pinto muß es uns Hochdeutschen nicht übelnehmen, daß wir uns auch etwas auf seine Rechnung zugute machen. Wir sind immer noch Kinder eines Vaters, so wenig er es in seiner Apologie hat gestehen wollen." Dieser im Vergleich mit den portugiesischen Herren „geistig weit zurückgebliebene Tudesco" war Moses Mendelssohn. In diesem Hochmut und dieser Absonderung gegen alle „Juden deutscher Zunge", die damals das Herz und den Kern der Judenheit ausmachten, blieben die Portugiesen jeder jüdischen Kultur bar. Sie hatten nurmehr ein totes unfruchtbares Pietätsgefühl für die jüdische Religion, für die ihre Ahnen in Spanien und Portugal den Scheiterhaufen bestiegen hatten. Aber nicht mehr als unfruchtbare Pietät In den zwei Jahrhunderten, die sie als Neuchristen oder Portugiesen in Frankreich lebten, gab es unter ihnen weder auf profanem noch religiösem Gebiet irgendeinen Denker oder Schriftsteller, Gelehrten oder Rabbiner, dessen Name in den Annalen der jüdischen Geschichte aufbewahrt geblieben wäre. Und diese innerlich Leeren, ▼on der lebendigen Judenheit Getrennten und nach außen von jeher an Maskenspiel Gewohnten traf die demokratisierende Revolution als erste auf ihrem Wege. Ihrem inneren Wesen treu, suchten sie eine Emanzipation nach ihrem Geist und Ebenbild.