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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 46

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Emanzipation und Entjudung
Date
1916-04-01
Page
46 (sequence 4)
Language
German
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46 R. Salman: Emanzipation und Entjudung Nicht als Juden forderten und erhielten sie ihre Rechte, sondern als solche, die den eigentlichen Juden in keiner Weise ähnlich sind. Den Juden im Elsaß, die nach der Befreiung ihrer Brüder im Südwesten noch zwanzig Monate unemanzipiert blieben und gerade während dieser Zeit Haß und Plünderungen ausgesetzt waren, blieb später nichts anderes übrig, als sich dadurch ihre Anerkennung zu erkämpfen, daß sie sich als ihren portugiesischen Brüdern völlig ebenbürtig erklärten und daher dieselben Rechte beanspruchen zu dürfen sich berechtigt fühlten. Sie durften sich glücklich schätzen, daß es ihnen gelang, eine Karrikatur ihrer ehemaligen Gemeindeautonomie, als welche sich das konfessionelle Konsistorium darstellte, zu retten, während die portugiesischen Mosaisten in der Eile auch dieses vergessen hatten. Später verpflanzte der alles nivellierende Despotismus Napoleons diese von Marannen errungene Emanzipationsform über alle ephemeren napoleonischen Staaten als die einzig mögliche Form der Judenbefreiung. Eine neue Art der Emanzipation zu schaffen, war schon damals und besonders in der Zeit der Reaktion und der Lehre vom christlichen Staat, die bald darauf in Deutschland zu herrschen begann, unmöglich. Die napoleonische Judenbefreiung blieb für die deutschen Juden das ersehnte Ideal, und selbst dieses schien ihnen unerreichbar. Im Geiste dieser französischen Emanzipation erzogen, sahen die Emanzipationskämpfer in Deutschland und Österreich in ihren glücklicheren französischen Brüdern ein nachahmungswertes Vorbild. David Friedländer und seine Freunde, die in ihrem bekannten Brief an den Pastor Teller das Christentum mit gewissen Modifikationen für die Juden annehmbar erklärten, falls nur diese Bekehrung ihnen politische Gleichberechtigung gewähre, sind gewiß mehr die Nachfolger de Pintos als die Schüler Moses Mendelssohns. Nach dem Muster der emanzipierten französischen Juden wird hier eine gründliche Assimilation unternommen, deren Mittel in der Verachtung der jüdischen Sprache, in der Verleugnung der messianischen Hoffnungen, in völliger jüdischer Ignoranz, in Mischehen und Massenrenegatentum bestanden, bis das Jahr 1848 hier die gleichen Ruinen des jüdisch-nationalen Bewußtseins antraf, wie das Jahr 1789 in Bordeaux. Die politische Revolution, welche die Emanzipation zur Welt brachte, fand bereits Juden vor, die für das nationale Sein keinen Sinn mehr besaßen. So geschah es, daß die jüdische Emanzipation in Westeuropa unter dem Zeichen der Assimilation stand. Nicht die innere Natur der Emanzipation verursachte diese Vernachlässigung national-jüdischer Forderungen, sondern die völlige Entjudetheit der zu Emanzipierenden. Daher muß der Kampf für die Emanzipation in Ländern, die außerhalb des Wirkungskreises dieser aus Marannentum und Despotismus entsprungenen nationalen Verneinung liegen, einen ganz anderen Verlauf nehmen. Der Übergang osteuropäischer Gebiete zu Volksverfassung und bürgerlicher Freiheit stößt auf eine Judenheit, die zur Ideologie eines de Pinto nicht die geringste Beziehung hat Gerade das letzte Jahrhundert hat hier das jüdisch-nationale Leben, Schaffen und Hoffen zu einer Höhe gebracht, die zu den Gipfelpunkten der jüdischen Diaspora- Geschichte gehört. Daher muß auch die ostjüdische Emanzipation von dem französischen Muster ebenso verschieden sein, wie dieser blühende Frühling der jüdischen Kultur von der kahlen Wüste der entjudeten Marannen von Bordeaux entfernt ist. R. Salman

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