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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 44

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Emanzipation und Entjudung
Date
1916-04-01
Page
44 (sequence 2)
Language
German
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44 R. Salman: Frankreich war damals dem Gesetze nach judenrein. Trotzdem besaß es eine jüdische Bevölkerung, und zwar zwei Arten von Elementen, die in verschiedenen Teilen des Reiches auf Grund ganz verschiedener Privilegien lebten. Die einen von ihnen gehörten dem von Frankreich okkupierten Elsaß und Lothringen an und durften das Innere Frankreichs nicht betreten. Sie sprachen dieselbe Sprache wie alle Juden in Deutschland und Polen, pflegten die gleiche Kultur, wurden von einem aus ein und derselben Quelle fließenden Antisemitismus verfolgt und wetteiferten in der Lösung ein und derselben inneren Probleme. Die anderen waren Marannen aus Spanien und Portugal, die vor der Inquisition nach Frankreich geflüchtet waren, sich im Süden, in Bordeaux und Bayonne, niederließen, Ladino sprachen und als Neuchristen ein Toleranzedikt erlangten. Fast zwei Jahrhunderte lang galten sie dort als Christen und akzeptierten die christlichen öffentlichen Zeremonien. Erst später, als sie bereits im Land festen Fuß gefaßt hatten, reich geworden waren und dem Reiche gegenüber sich als nützliche Handelselemente erwiesen hatten, wagten sie es, allmählich ihre religiöse Maske fallen zu lassen. Bis zum Sieg der Revolution wurden beide Bestandteile der französischen Judenheit in gleicher Weise als Fremde betrachtet, die kein Bürgerrecht besaßen und auf Grund spezieller Privilegien leben mußten. Diese Privilegien gewährten aber den portugiesischen „Neuchristen" in Südfrankreich weitergehende Rechte als den Juden in Ostfrankreich. Da aber andererseits diese Juden von Bordeaux und Bayonne als Marannenenkel keine jüdische Kultur besaßen, an den allgemeinen jüdischen Geistesbewegungen der Zeit keinen Anteil nahmen und dazu noch über eine unbegrenzte Anpassungsfähigkeit verfügten, so war es doch klar, daß sie sich turmhoch über ihre Brüder in Ostfrankreich stehend betrachten durften. Nachdem sie im Unterschied zu ihren ostfranzösischen Glaubensgenossen es fertig gebracht hatten, zwei Jahrhunderte lang Christen zu spielen, war es für sie eine Kleinigkeit, von jetzt ab als Franzosen aufzutreten. Immerhin hatten sie sich schon in diesem jahrhundertelangen Marannentum recht gründlich entjudet und so fiel es ihnen nicht schwer, das neue Spiel mit mehr Talent und Ernst durchzuführen. Es mußte nur dafür gesorgt werden, daß die deutschen Juden im Osten des Landes, die von den Portugiesen „Tudescos" genannt und von den französischen Nichtjuden von jeher als die eigentlichen Juden betrachtet wurden, diese neue Maskierung durch ihre Anwesenheit nicht stören. Die „Tudescos" mußten daher den Portugiesen möglichst fern gehalten werden. Zu gleicher Zeit mußte auch die französische Öffentlichkeit darüber aufgeklärt werden, daß diese beiden Arten von „Bekennern" des Judentums, diese Teile eines Volkes, mit denen das Schicksal sich den Spaß erlaubte, sie für einige Generationen voneinander zu trennen, zwei verschiedene Welten darstellen, die miteinander nichts zu tun haben und daher auch ganz verschieden behandelt werden können. So geschah es, daß die portugiesischen Juden zu dem sehr modern anmutenden Gedanken gelangten, für „Grenzschluß" einzutreten und im „Interesse des Staates wie im Interesse der portugiesischen Gemeinde" den Tudescos die Einwanderung auf das strengste zu untersagen. Es fanden sich sogar zwei mutige Ritter, die bedeutendsten Vorkämpfer der ersten jüdischen Emanzipation — Isaak de Pinto und Rodrigues Pereira —, die sich nach Paris begaben, um von Ludwig XVI, und Richelieu die Genehmigung dieses Beschlusses, den sie in ihr Gemeindestatut aufnahmen, zu erhalten. „Mein Herz leidet dabei" — schreibt später der edle Freiheitskämpfer de Pinto an seinen Mitkämpfer Pereira — „gegen Juden anderer Nationalitäten auf-

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