Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 40

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Arbeit
Date
1916-04-01
Page
40 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101346--0061-3101424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

40 A. D. Gordon: serem Geiste zu bearbeiten und aus der Frucht ihrer Arbeit Leckerbissen für unseren Gaumen zurechtzumachen. Was wir sonst noch haben, ist die Erkenntnis und das Gefühl, daß wir nichts besitzen, also ein großes Minus. In diesem unnatürlichen Zustand haben wir den natürlichsten Anteil an Meinungen, Literatur, Dichtung. In diesen Dingen schaffen wir allerdings vieles Neue und senken manchmal viel schöpferisches Talent hinein. Aber zu einer lebendigen Kultur fehlt noch viel. Eine lebendige Kultur umfaßt das ganze Leben. Alles, was das Leben um des Lebens willen schafft, ist Kultur. Erdarbeit, Häuserbau, alle Arten von Bauten, Straßenanlegung usw., jede Arbeit, jedes Werk, jede Tat ist Kultur, d. h. die Basis der Kultur, ihre Materie. Die Ordnung und Art und Weise, wie alles getan wird, ist die Form der Kultur. Alles, was die Tuenden zur Zeit und außer der Zeit ihres Tuns fühlen, denken und erleben, und die Beziehungen, die aus alledem in Verbindung mit der in allen lebenden Natur entstehen, machen den Geist der Kultur aus. Aus ihm speist sich die höchste Kultur — die Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Poesie, Ethik, Religion. Diese höchste, sublimierteste Kultur, die diejenigen im Auge haben, die bei uns von Kultur sprechen, stellt nur den Rahm der Kultur dar, der Kultur im weiten Sinne. Aber kann man Rahm ohne Milch herstellen? Oder ist es möglich, aus fremder Milch eigenen Rahm zu gewinnen? Was suchen wir in Palästina, wenn nicht eben das, was wir nirgends in der Welt finden — die lebendige Milch der Kultur? Nicht eine akademische Kultur wollen wir heute, wo wir nichts besitzen, sondern eine Kultur des Lebens, in deren Zellen und Atomen die akademische eingebettet ist — eine Kultur des Lebens, die nur des Sichabsetzens bedarf, damit aus ihr der Rahm, die höchste Kultur, gewonnen werde. Wir wollen die Philosophie des Lebens, die Kunst des Lebens, die Poesie des Lebens, die Ethik desLebens und die Religion des Lebens schaffen. Und man darf hinzufügen: die Brücke des Lebens, die lebendige Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Wir wollen leben, unser Leben schaffen, Leben nach unserem Geiste und unserer Art. Hier aber fühle ich mich verpflichtet, einige klarere Worte zu sagen, obwohl die Sache nach dem Vorhergehenden sich von selbst versteht. Wir sind doch Kinder des Gottes, der das All durch den Spruch seines Mundes geschaffen hat. Und wenn ich von „Schaffen" spreche, so sind wir doch die unvergleichlichen Schöpfer, die mit einem kurzen Wörtchen alles zu schaffen vermögen. Darum muß man es ganz einfach sagen: Alles, was wir in Palästina wünschen, besteht darin, daß wir mit unseren eigenen Händen tun, was das Leben ausmacht; daß wir eigenhändig alle Arbeiten, Werke und Taten vollbringen, angefangen von den gelehrtesten, feinsten und leichtesten bis zu den gröbsten, verächtlichsten und schwersten; daß wir alles fühlen, denken und erleben, was der diese Arbeiten verrichtende Arbeiter fühlt, denkt und erlebt; dann werden wir eine Kultur haben, denn dann werden wir Leben haben. Aber bei uns ist es möglich, daß man aus allen Ländern der Diaspora und auch aus Palästina zusammenkommt, um darüber zu beraten, was für unsere Wiederbelebung und Erlösung zu tun sei, daß man von einer lebendigen Kultur spricht und es dabei niemand einfällt, über den Urgrund aller Kultur, über das Wesentliche, das uns fehlt, etwas zu sagen: die Arbeit. Was folgt daraus für uns? Eigentlich ist es ganz einfach und klar. Es folgt daraus, daß von nun an unser Hauptideal die Arbeit sein muß. Wir haben an der Arbeit Schaden genommen (ich sage

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.