Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Arbeit
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 39 (sequence 3)
- Language
- German
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Arbeit 39 wie schlecht es mit uns in dieser Hinsicht bestellt ist, wie sehr die Arbeit unserem Geiste in individueller und nationaler Beziehung fremd geworden ist. Charakteristisch genug ist der Satz: „Solange Israel den Willen Gottes tut, arbeiten andere für es." Das ist nicht bloß ein Wort. Dieser Gedanke ist — bewußt oder unbewußt — in uns zu einem instinktiven Gefühl, einer zweiten Natur geworden. Gesetzt, wir hätten schon irgendwo eine jüdische Volksmasse, wird sich dies dann von selbst ändern? Wird auch ohne radikale Heilung eine Änderung in der Natur unserer Seele eintreten? Werden unsere Juden nicht stets kaufmännische Tätigkeit, Pedlertum, Finanzgeschäfte und besonders solche Berufe bevorzugen, wobei andere arbeiten und sie das Geschäft führen? Und selbst wenn das Leben einen Teil von ihnen zur Arbeit zwingen wird, wird dieser jedenfalls städtische Berufe wählen, wo man mehr Reichtum erwerben und schließlich die Arbeit los werden kann, wenn er es nicht gar vorzieht, in anderen reicheren Ländern zu arbeiten. Der Boden aber wird auch dann fast völlig durch Fremde bearbeitet und die wesentlichste Arbeit wird im großen und ganzen durch Fremde verrichtet werden. Ist das der natürliche Zustand eines lebendigen Volkes? - Und wer denkt darüber nach? Wer fühlt dies? Wir haben keine Arbeit — und niemand fühlt ihr Fehlen, Wir fühlen es nicht, auch dann nicht, wenn wir über nationale Wiedergeburt sprechen. Die Arbeit vermissen wir weder als Kraft, die den Menschen an den Boden fesselt und diesen wahrhaft erwirbt, noch als Hauptquelle beim Schaffen einer nationalen Kultur. Wir haben kein Land, keine lebende Sprache und Kultur — das fühlen wir wenigstens, erkennen es mehr oder weniger deutlich und suchen das Notwendige und Mögliche zu tun. Aber wenn es bei uns keine Arbeit gibt, was liegt daran? Mag Iwan, Johann, Mustapha arbeiten - wir schaffen Kultur, bringen nationale Schöpfungen hervor und machen die absolute Gerechtigkeit zum Herrscher der Welt. Aber welcher Art ist diese Kultur, die sich schließlich nach so langen und hartnäckigen Kämpfen in unserer Bewegung durchsetzte? Sie besteht in dem, was man bei uns „Wiederbelebung des Geistes" nennt. Dieser Geist, den wir wiederbeleben wollen, ist eben nicht lebendig, erfüllt und belebt nicht den Körper und erhält aus dem Körper kein Leben, er ist abstrakt und seine Herrlichkeit existiert nur im innersten Herzen und Hirn. Diese ganze Kultur ist eigentlich nichts als ein Komplex von Meinungen. Und in bezug auf Meinungen kann einer der Weltanschauung Hermann Strucks und des Rabbiners von Lida, ein anderer der Marxens und Engels* huldigen. In dieser Weise sind wir gewohnt, bei uns Kultur anzusehen, ja manchmal sogar von einem Auf blühen dieser Kultur auch in der Diaspora zu sprechen. „Meinungen", „Geist" nehmen keinen Raum ein, und nicht immer läßt sich erkennen, ob sie zeitgemäß und volksecht sind. Aber in Wirklichkeit haben wir und können wir in der Diaspora doch keine lebendige Kultur haben, die sich aus dem Leben speist und sich aus ihm entwickelt. Wir haben keine Kultur — denn wir haben kein Leben; das Leben in der Diaspora ist nicht unser Leben. Was wir in der Diaspora haben, sind bestimmte Kulturgüter, die wir ererbt und uns nach Bedürfnis im Geiste der Zeit und des Landes zurechtgemacht haben, d. h. im Einklang mit dem Leben, das wir nach dem Willen der anderen zu leben gezwungen sind, und im Einklang mit dem Geist, der in den Welten der anderen weht. Wir besitzen ein Anpassungstalent, das sich im Galuth entwickelt hat — die Erzeugnisse des Lebens der anderen nach un-