Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk
Date
1916-04-01
Page
35 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101345--0055-3101419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Erfahrungen im ostjüdisch» Schulwerk 35 bei Homer. Wenn ich, dem homerischen Stil durch die Weltliteratur das Geleite gebend, „Hermann und Dorothea" lesen lasse, diese herzlichste Gestaltung des Flüchtlingsschicksals, wenn aus Platonischen Dialogen die Prophetengestalt des Sokrates (so verwandt den Worten Jesajas, Kap. 53) sich heraufhebt, wenn der ernste Volksmahner Äschylus den Mund auftut: immer sind es die gemeinsamen Erlebnisse, die jüdische Geistigkeit der Schülerinnen, die mir zu Hilfe kommen und etwas, was mir selbst bis zur Stunde unbekannt war, zum Leben erwecken. Der große Vorteil, eine dichterische Weltansicht auf Schritt und Tritt mit einem unangekränkelten jüdischen Volks- und Weltgefühl durchmessen zu können, also einen würdigen Standpunkt zu ihr zu finden, auf dem allein Befruchtung und echtes Mitfühlen möglich ist, kann nur in der national einheitlichen Schule auf Grundlage gemeinsamer Geistigkeit und Kultur erlangt werden. Ich glaube, auch das Grunddeutsche in „Hermann und Dorothea", die Abwehr gegen das Chaos des andern Rheinufers, das Feststehen auf der eigenen Art wurde in diesem Kreis, wo das für uns so dringende, polnische Assimilationsproblem in Vergleich gesetzt werden konnte, inniger begriffen als in meinem jüdisch-deutschen farblosen Gymnasium, das damals nach der Lektüre dieses Wunderwerkes wenig mehr als den Eindruck einer mit unverständlichem Pathos ausgebreiteten Liebesgeschichte zurückließ. Das Pathos des Deutschen Goethe klang jetzt im volksbewußten Kreise freudig nach. Gerade als Juden, die nichts als Juden sein wollen, fühlten wir uns den ehr* liehen Deutschen nahe, die keine Französlinge sein wollten. * Wenn ich aus meinen bescheidenen Erfahrungen Schlüsse auf das zu gestaltende jüdische Schulwesen im besetzten Rußland ziehen darf, so scheint mir nicht nur im Interesse des Judentums, sondern auch im Interesse Österreichs und des Deutschen Reiches, die aufrechte ganze Naturen als Staatsbürger brauchen, die Errichtung der jüdischen Schule auf der Grundlage eines gesunden jüdischen Volksbewußtseins, jüdischer Geistigkeit und Religion unerläßlich. Nicht nur die intellektuellen Unterrichtserfolge sind dann verbürgt, sondern auch die Ausbildung ungebrochener, ihrer Verantwortlichkeit bewußter Männer und Mütter. Es erklingt auch wirklich bald mehr, bald minder bewußt der Ruf nach einer modernen und dabei national-jüdischen Schule aus den kleinen, neu auflebenden Städtchen Galiziens. Im besetzten Russisch-Polen mögen die Stimmungen ähnliche sein. „Sechs Millionen kulturell tiefstehender Juden sind in Rußland in Bewegung geraten", so zetert der Waschzettel der jetzt allenthalben ausgestellten Broschüre („Zionismus und Grenzschluß") eines verstörten Regierungsrates. Und selbst ein Denker von Distinktion wie Franz Blei stößt in den „Weißen Blättern" (November 1915) ohne genauere Kenntnis der Tatsachen denselben Angstschrei aus. Nur ruhig Blut, meine Herren! Gebt den Juden ihre jüdische Schule und ihr werdet euch staunend darüber freuen, was für starke, edle Kohäsionskräfte unser noch gesunder, nach Gesundheit sehnsüchtiger Volkskörper entwickeln wird. Wir werden euch nicht überschwemmen, euch nicht belästigen. Nur soll man uns in der Schule nicht zur Assimilation erziehen! Man soll uns nicht fälschen und sich hintenach wundern, daß nichts Echtes aus uns geworden ist! Man soll uns nicht eine Zentrifugalkraft einimpfen und hintenach „Nomadentum" und „kritische Zersetzung" an unserm Leichnam konstatieren! 3*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.