Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 34 (sequence 3)
- Language
- German
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34 Max Brod: sie werden daran herummäkeln, gönnt ihnen vom Geiste und sie werden es dankbar anerkennen. Das Volk des Buches sind wir, dachte ich. * Der Eifer meiner Schülerinnen ist etwas für westeuropäische Verhältnisse durchaus Ungewohntes, Wenn man viel mit assimilierten Westjüdinnen desselben Alters verkehrt hat, weiß man, wie leblos unter ihnen die „Bildung" als eine Art lächerlichernster Zeitverbringung zwischen Lyzeumschluß und Heirat traktiert wird. Etwas Ähnliches hatte ich auch von den Ostjüdinnen erwartet und eigentlich nur aus Pflichtgefühl mich gemeldet. Ich hatte wahrhaftig nicht geahnt, daß meine Unterrichtsstunden mein einziger Trost in dieser entgeistigten Zeit werden würden. Und jetzt! Ist es mir doch, als fühlte ich zum erstenmal, daß die Schönheit und der hohe Gedanke einem wirklichen leibhaftigen Bedürfnis richtiger Menschenkinder entsprechen, daß es Herzen gibt, die sich nach Dichtung und Religion sehnen! Nun, auch früher glaubte ich daran. Aber jetzt habe ich es unmittelbar, mit wahrer Naturkraft erlebt. Ich danke meinen Schülerinnen. Wißbegierde, Bildungseifer, — wird man mir einwerfen. Ich weiß, daß die rationalistische Ausdeutung für alles Gute, was ein Jude empfindet, immer höhnisch bereit steht. Ich aber beurteile es besser, denn ich lebe es ja, ich sehe es stündlich vor mir. Eine bezaubernde Frische und Naivität geht von den Mädchen aus. Und dennoch sind sie durchaus geistig, viele von ihnen auch in den europäischen Fächern gut unterrichtet, alle aber (und das ist das Wesentliche, glaube ich) bis ins Innerste rechte Jüdinnen, in jüdischem Milieu, in alter Sitte und Sittlichkeit erzogen, durchpulst von jüdischem Wissen und von der alten ungebrochenen, durch die Religion eingepflanzten Sehnsucht nach Vergeistigung. Diese Erkenntnis verdanke ich den Ostjuden, nicht nur den Mädchen: daß es nicht nur eine Naivität kulturloser Menschen gibt, wie man anzunehmen geneigt ist, sondern auch eine wahrhaftige Naivität des Geistes. Ein Ostjude tritt ins Zimmer. Sofort ist es angefüllt mit seinen Reden, seinen tiefsten Problemen, seiner Weltanschauung. Er scheut sich nicht ein bißchen. Ganz direkt geht er auf das Wesentliche los, ohne der Konvention höflicher skeptischer Redensarten zu gedenken. Er sagt sofort, was ihn interessiert, er will lehren und belehrt sein. Diese Naivität des Geistes, diese innige Mischung von Natürlichem und Erhabenem (ähnlich wie im Talmud Hagada und Halacha in eins verfließen), dieses viel unmittelbarere Verhältnis zum Geist, als es in Europa Brauch ist, macht meine Lehrstunden so erfreulich. Ich fühle, daß ich an eine Tradition, ein gemeinsames Gefühl aller Schülerinnen appellieren kann. Ich habe ein Volk, eine Gemeinschaft vor mir, nicht zersiebte Individuen. Ein Volk, das im höchsten Sinne geistig und dabei dennoch volkstümlich, also ungekünstelt, unverbraucht ist. Und einem Volke kann man Homer viel besser vortragen als noch so fein- 2iselierten Individuen. Etwas von der Volkskraft, die der Dichter in seinen Schöpfungen zusammenballt, etwas von der Tragödie des Einsamen, der von seinem Volke gesondert wird und glühend zu ihm hinüberstrebt, zurück zur Gemeinschaft (zum erstenmal fiel es mir auf, daß Ilias und Odyssee dieses gleiche tief nationale Motiv variieren: den abgetrennten und zurückkehrenden Achilleus, den abgetrennten und zurückkehrenden Odysseus), etwas von diesen Bindungen des Gemeinsamkeitsgefühls wird zwischen den Schülerinnen lebendig. Und so ist es nicht nur