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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 36

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk
Date
1916-04-01
Page
36 (sequence 5)
Language
German
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36 Max Brod: Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk Es gibt kein wichtigeres Problem für die Verwaltung der neu- und zurückeroberten Länder als das der jüdischen Schule, Denn sie wird auf lange hinaus die Zukunft ordnen oder verwirren. Wird es die Regierung verstehen, die Erfahrungen eines so vorzüglichen und seiner Verantwortung bewußten Schulmannes wie Prof. Engel auszunützen? Wird sie die Lehren der improvisierten Prager Notschule verstehen, die so viel Glück und echte geistige Freude verbreitet, so allgemein Zustimmung gefunden hat? Man stelle diesen Mann an den richtigen leitenden Platz und das Problem wäre zur Hälfte gelöst Wo gebildet werden soll, da ist eine gewisse Einfachheit und Gleichartigkeit des Materials Vorbedingung, Das leuchtet von vornherein ein. Ohne jeden nationalen Chauvinismus fordere ich deshalb, im Interesse der Menschheit, des Staates, der Wirtsvölker, und nicht bloß im engeren jüdischen Interesse: die nationale jüdische Schule in Polen. Werden Reflexe von ihr nach dem Westen ausgehen, um so besser. Viele Unsauberkeiten, viele Reibungen würden damit verschwinden! In der Schule selbst, wieviel Haß und Verachtung wird in der einheitlichen Schule vermieden, wie viel falsche und echte Scham! Zwischen den Schülern untereinander und von ihnen zum Lehrer läuft ein schönes Gefühl von Freundschaft, Helligkeit, Gemeinsamkeit. Man möchte allen Menschen so offen entgegentreten: dieser Wunsch entsteht in den jungen Herzen. So erzieht Nationalismus zur Humanität. Vorzeitiger unreifer Internationalismus zerstört ihren zarten Keim. Wie klar kann man über die nationalen, religiösen Ideale anderer Völker sprechen, wenn man — zu einem Volk spricht; zu einem, nicht zu zwei oder mehreren. Ein Beispiel für viele. Ich hatte die Entstehung der griechischen Tragödie aus dem Gottesdienst zu erklären. Die Tatsachen, Anekdoten wurden verstanden, wiederholt, —1 aber ich merkte wohl, es waren leere Worte. Das lebendige Verständnis von innen heraus fehlte noch. Im richtigen Moment fiel mir eine jüdische Parallele ein. „Gibt es auch im jüdischen Festgottesdienst eine noch so unscheinbare Stelle, an der die monologische oder chorische Rezitation aus plötzlicher Ergriffenheit zum Gespräch, zur Darstellung des sonst nur Erzählten, zur Verwandlung in mitwirkende Personen wird? Gibt es irgendwo diesen Keim, der bei günstigerer freierer Entwicklung der Juden vielleicht zu ähnlichen neuen Formen geführt hätte wie die nahezu aus dem Nichts, aus einem Zufall, einer einmaligen Erschütterung hervorgesprossene griechische Tragödie?" Nach einiger Bemühung verfielen die Schülerinnen von selbst auf die Peßach-Hagada. Der Jüngste der Tischgesellschaft fragt. Die andern berichten ihm. — Von diesem Augenblick waren alle ganz anders bei der Sache als vorher. Ich glaube, Äschylus erschien ihnen von da nahezu wie ein guter Bekannter. Bis dahin war er ein „Dichter", ein Teil des „Lehrstoffs" gewesen. Auf einmal liebte man ihn und fühlte sich in seinen göttlichen Stürmen, in seiner unmittelbaren Areopag-Ansprache an das Volk wie im vertrauten biblischen Gelände, Als ich gar das nächste Mal zur Bekräftigung aus dem schönen Buche Hugo Herrmanns „Chad Gadja" die kleine dramatische Szene vorlas, die bei den Bergjuden des Kaukasus tatsächlich in freier Anknüpfung an jene Stelle der Hagada entstanden ist, da hatten alle (nicht zuletzt ich selbst) mehr und Lebensvolleres über die Geburt des Dramas erfahren, als durch noch so gelehrte philologisch-gymnasiale Abhandlungen erzielt werden kann. Prag Max Brod

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