Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 33 (sequence 2)
- Language
- German
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Erfahrungen im ostjüdischen Schulwerk 33 alle, auch im Regen, von der äußersten Peripherie der Stadt. Auch die Frommen, die am Samstag keinen Regenschirm tragen. Einmal trat eine erst nach dem Regen, zum Schluß der Stunde ein. Ihre Stiefel waren zu schlecht. Da war ich mit meiner Frage beschämt. Es sind ja Flüchtlinge. Die große Volks- und Bürgerschule, die im Mai 1400 Schüler faßte, bewundere ich nur von ferne. Manchmal besuche ich den Unterricht. Was hier die ganz private Initiative Prof. Engels geleistet hat, grenzt ans Wunderbare. Kein Ausdruck scheint mir zu stark dafür. Welche Schwierigkeiten mußten überwunden werden! Die Flüchtlinge aus allen Teilen Galiziens und der Bukowina, mit polnischer Bildung die einen, andere deutsch oder ruthenisch oder jiddisch erzogen, Altersstufen von 6 bis 36 Jahren, Analphabeten bis zum 18. Jahr (d. h. solche mit nur hebräischem Wissen), fast alle mit äußerst mangelhafter Vorbildung, nur zwei oder vier Elementarklassen, manche wieder sehr sorgfältig erzogen, — in dieses wirre Material mußte schnell Ordnung gebracht werden. Einen Lehrkörper galt es aus der Erde zu stampfen, Lehrsäle, Lehrmittel der verschiedenen Sprachen und Methoden zu beschaffen. Es fehlte an Geld. — Wie es dennoch gelungen ist, das haben wir (nahezu verständnislos vor solcher Tatkraft) miterlebt. Die Kinder wurden in die richtigen Klassen eingeteilt. Die Frage der Unterrichtssprache wurde mit Glück spezialisierend gelöst. Die Fortschritte waren überraschend. Begabte konnten in einem Jahr zwei oder drei Schuljahre absolvieren. Heute leitet Prof. Engel außer dem Prager Schulwerk eine große Zahl kleinerer Landschulen seines Systems. Es gibt Kurse für Landwirtschaft, Haushaltungskunde, Handelskunde, Holzbearbeitung, ein Kinderheim für Elternlose, eine Lesestube, ja sogar einen modernen Cheder. Alles im Rahmen der einen, nun auch staatlich subventionierten Schöpfung unseres Gesinnungsgenossen. (Anmerkung: Werden die „Alljuden" immer noch behaupteny daß die Zionisten keine Gegenwartsarbeit leisten?) Ganz unvermerkt hat sich in Prag eines unserer Postulate wie von selbst erfüllt: die nationale jüdische Schule. —• Vielleicht interessiert es die Regierung, daß dabei von der sogenannten Bildungsfeindlichkeit der orthodoxen galizischen Kreise nichts oder nahezu nichts zu spüren war. Diese orthodoxen Kreise, die, wie man mär sagt, das österreichische Volksschulgesetz in Galizien immer noch mit leidenschaftlichem Geschick zu umgehen wissen, die ihre Kinder um keinen Preis der gemischten und polnischen Schule anvertrauen, auch sie waren hier zufriedengestellt. Man hält in der Schule die Feiertage ein, unterrichtet am Sonntag und nicht am Sabbath, man läßt den kleinen Bübchen ihre Kopfbedeckung usf. Ja, so hatten sich die frommen Eltern wahrscheinlich seit jeher eine rechte Schule vorgestellt. Und sie, die in allem recht kritisch sind und der in Prag an ihnen geübten Wohltätigkeit oft (und manchmal mit Recht) ihren Stolz entgegenstemmten, waren gerade mit der Schule einmütig einverstanden. Zwei Szenen werde ich nie vergessen. Wie eine polnische Jüdin einer Prager Dame, die ihr bei der Kleiderverteilung Unangenehmes sagte, die Kleider mit den Worten hinwarf: „Die Mizwe ist doch mehr als Ihre Schmattes", zu deutsch: „daß Sie mir Gutes tun dürfen, sollte Ihnen wertvoller sein als mir Ihre Fetzen." Und das Gegenstück: Wie ein gebrechlicher Patriarch in der Schulausstellung mit geradezu jugendlichem Interesse die zahllosen Schreibhefte durchsah, beifällig nickend, eins nach dem andern an seine feuchten, mühsam blickenden Augen emporhob, zuerst die hebräischen Hefte, dann aber auch die andern. — Gebt den Juden Materielles, dachte ich damals, und Heft 1. 3