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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Jiddisch
Date
1916-04-01
Page
31 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Jiddisch 31 Nicht nur die inhaltliche Änderung, auch Syntax, Rhythmus, Tonfall, Stimmung sind ausgesprochen jiddisch, und es ist bezeichnend, daß im jiddischen Volkslied besondere Eigenart gerade in den humoristischen Gedichten entstanden ist. Und nun erst die Prosa. So verschiedene Schriftsteller wie Mendel Moicher Seforim und Scholem Aleichem haben ganz aus jiddischem Lebensgefühl und jiddischer Sprache heraus ihre Formen geschaffen, unverwechselbar mit irgendwelcher hochdeutschen Kunst. Ja, wenn hier von Verwandtschaft mit europäischen Literaturen gesprochen werden kann, so ist viel eher eine Verwandtschaft mit russischer Stimmung vorhanden: dieselbe Vorliebe für die Skizze, für die sprunghafte Äußerung der Empfindungen, für das weiche Versinken in Stimmungen. Ganz deutlich wird auch der Unterschied, wenn wir das Original von Rosenfelds Gedichten mit Feiwels Übertragung ins Deutsche vergleichen. Feiwel war einfach genötigt, ihn umzustilisieren, genau wie es Schlegel mit Shakespeare und Fulda mit Molidre gemacht hat:*) Ich bet euch, wie lang wet noch jagen Der Schwacher dem blutigen Rad? 0, wer kann sein Ende mir sagen, Wer weiß jenem schrecklichen Ssod? O, schwer, seher schwer, dos zu sogen, Doch eins is bewußt und beschedt: Wenn ihm wet die Arbeit derschlagen Sitzt teekef a Zweter un näht. Bei Feiwel: Wer kündet grause Zukunft mir? Wie lange der bleiche Mann Noch jagen mag das furchtbare Rad? Wer weiß das Ende, sagt an? Ich weiß es nicht. Doch weiß ich wohl: Wenn den, — ob früh, ob spät — Die Arbeit erschlägt, — sitzt ein anderer da Und näht und näht und näht---. Ich will nicht sagen, daß diese halben, verschwimmenden, verklingenden Töne im Deutschen nicht wiederzugeben wären, aber sie sind doch gerade dem Jiddischen eigen, im Jiddischen zu eigener Form erhoben. Eine Überschrift: „Aus Jontew" ist in ihrer schmerzlichen, von jedem jiddisch Empfindenden ohne weiteres verstandenen Schwere einfach unübersetzbar und Feiwels schönes „Laubhüttenfest vorbei" doch eben nicht so voll unmittelbarer Empfindung. Nathan Birnbaum hat ganz recht: So groß die sprachstammliche Verwandtschaft der jiddischen und der deutschen Sprache ist, so geringfügig ist ihre sprachgeistige Verwandtschaft, * Eigen-gewachsener Stil: das ist das Kennzeichen eines selbständigen Schrifttums. Wenn Birnbaum behauptet, daß das Jiddische, aus Mittelhochdeutsch, Hebräisch-Aramäisch und Slawisch entstanden, eine Mischsprache sei wie das Englische, so muß dieser Auffassung durchaus widersprochen werden. Will man die, *) Ssod: Geheimnis. — teekef: sofort.

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