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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Jiddisch
Date
1916-04-01
Page
32 (sequence 8)
Language
German
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32 Max Brod: Zugehörigkeit einer Sprache nach ihrem Wortschatz und dem Hauptgerippe ihrer Syntax beurteilen, so ist das Jiddische eine deutsche Sprache. Aber eben sobald ein Volk eine Literatur schafft, so lautet die Fragestellung: kann der Dichter die Sprache des Lebens selbst, wie sie im Munde des Volkes lebt, zur Kunstform steigern, aus ihren eigenen Mitteln heraus? Dem Jiddischen ist es gelungen, dem Niederdeutschen bisher versagt gewesen. Während die Dichter des Niederdeutschen, von Ausnahmen abgesehen, vor der Wahl standen, entweder trivial zu bleiben oder eine Anleihe beim Hochdeutschen zu machen, haben die jiddischen in Vers und Prosa aus den Elementen der Umgangssprache etwas geschaffen, was eben nicht mehr Umgangssprache ist, sondern Stil. Jiddischer Stil aber, das heißt Selbständigkeit des Jiddischen. Nicht Mundart, sondern Sprache. In diesem Sprach Verhältnis liegt kein Werturteil, sondern nur das Zeugnis der Eigenart. Erschöpft ist die Frage damit sicherlich nicht. Ich sagte schon, einen wissenschaftlichen Stil zum Beispiel hat das Jiddische noch nicht. Auch das Deutsche hat ihn ja eigentlich nicht, wenigstens nicht in dem Maße, wie das Französische und Englische, und wenn die Generation um Ranke, Freytag einst einen solchen Stil geschaffen hat, so ist er mittlerweile längst von allerlei Subjektivismen durchwuchert. (Freilich, im Deutschen handelt es sich um eine Stillosigkeit aus Fülle, nicht, wie im Jiddischen, um Stillosigkeit aus Armut oder Unfertigkeit.) Das Wachstum des Stils ist wesentlich abhängig von den geistigen Entwicklungsmöglichkeiten des Volkstums. Im jüdischen Volk erleben wir ja augenblicklich jenen merkwürdigen Antagonismus, das Gegeneinander- und Zueinanderstreben des Hebräischen und Jiddischen. Die jüdische Jugend des Orients von Aleppo und Teheran bis Kairo spricht leidenschaftlich hebräisch; in Polen wächst das Jiddische zur Literatur. Eine entgegengesetzte Entwicklung. Das Hebräische, ganz und gar Stil — und deswegen, wie Berdyczewski einmal ausführte, zur Sprache der jungen jüdischen Wissenschaft erhoben — im Begriff, weicher, nuancenreicher, lebendiger zu werden, — das Jiddische, einst nur gesprochene bildsame Sprache, seit Jahrzehnten auf dem Wege zum Stil. Hier soll in diesem Kampfe keine Entscheidung versucht, nur die Daseinsberechtigung >des Jiddischen als einer eigenen Sprache neben dem Deutschen erwiesen werden. Crossen a. O. Moses Calvary ERFAHRUNGEN IM OSTJÜDISCHEN SCHULWERK (Nach Tagebuchnotizen) Nun unterrichte ich mehr als ein Jahr lang an der Notschule für jüdische Flüchtlinge aus dem Osten in Prag. Ich trage wöchentlich einmal im Fortbildungskurs für Mädchen (zwischen 15 und 19 Jahren, wie mir scheint) über „Weltliteratur" vor. Mein Kurs ist dem großen Erziehungswerk, das Professor A. Engel, der geniale Organisator, aus den bescheidensten Anfängen schnell emporgebracht hat, nur irgendwie lose angegliedert. Trotzdem herrscht die größte Ordnung. Niemals hatte ich mich über Absenzen der freiwilligen Schülerinnen zu beklagen. Sie kommen

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