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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Jiddisch
Date
1916-04-01
Page
27 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Jiddisch 27 einer einheitlichen deutsch-literarischen Kultur. Nur wer das Hineinwachsen des östlichen Juden in die deutsche Kultur, unter Aufgabe seiner eigenen, als Ziel erstrebt, darf sich eines solchen Arguments bedienen, sollte aber dann diese seine Grundvoraussetzung auch nicht verschleiern. Ist denn aber das Jiddische überhaupt ein deutscher Dialekt, durch den ein solches Hineinwachsen wesentlich erleichtert würde? Es ist nicht ganz leicht, sich darüber klar zu werden. Was ist überhaupt ein „Dialekt"? Was unterscheidet ihn von einer „Sprache"? Warum ist zum Beispiel das Holländische, das dem rheinischwestfälischen Dialekt außerordentlich nahe steht und von den Grenznachbarn leicht verstanden wird, eine eigene Sprache? Das eigene staatliche Dasein Hollands kann den Unterschied nicht bewirken, denn das Schweizerische gehörtauch einem Staate an und wird trotzdem als deutscher Dialekt empfunden, während umgekehrt das" Flämische, auch ohne einen flamländischen Staat, die Selbständigkeit einer Sprache besitzt. Zunächst ist das Vorhandensein einer eigenen Literatur maßgebend. Die geistige Stufe der Entwickelung, auf der die europäischen Völker stehen, verlangt gleichsam als Berechtigungszeugnis eine selbständige, autarkische Ausbildung der literarischen Form. Die Schweizer schließen sich in ihrer Literatur eben an das Schriftdeutsche an, während die Holländer eine eigene Literatur geschaffen haben. Von diesem Gesichtspunkt aus müßte das Jiddische, zum mindesten seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als eigene Sprache anerkannt werden. Freilich hat auch das Niederdeutsche eine Literatur. Es ist ja auch von Niederdeutschen, so von Klaus Groth, der Anspruch erhoben worden, daß man nicht von einer niederdeutschen Mundart, sondern von einer niederdeutschen Sprache rede, die wieder in verschiedene Mundarten, das Preußische, Mecklenburgische, Holsteinische usw. zerfalle. Wenn das allgemeine Empfinden sich dieser Forderung nicht angeschlossen hat, so liegt das an dem besonderen Abhängigkeitsverhältnis der niederdeutschen Literatur zur schriftdeutschen, einem Verhältnis, das von dem der jiddischen Literatur zum Schriftdeutschen völlig verschieden ist. Das soll an einigen Proben gezeigt werden. Oever de stillen Straten Geit klar de Klokkenslag; God* Nacht! Din Hart will slapen Und morgen is ok en Dag. Noch eenmal lat uns spräken Goden Abend, gode Nacht! De Maand schient ob de Däken, Uns' Herrgott holt de Wacht. Das ist alles hochdeutsch empfunden und kann unmittelbar ins Hochdeutsche übersetzt werden. Das beruht aber nicht etwa auf der Verwandtschaft der niederdeutschen und hochdeutschen mündlichen Rede; beide sind vielmehr im Tempo, im Rhythmus, im Satzbau, in der Empfindung tief verschieden. Storm aber hat nicht diese niederdeutschen Elemente ausgebildet, sondern ist durchaus von der hochdeutschen Kunstform abhängig. Diese Abhängigkeit ist nicht darauf zurückzuführen, daß Storm im allgemeinen in hochdeutscher Sprache gedichtet hat; sie ist bei Klaus Groth ebenso stark vorhanden:

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