Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Jiddisch
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 26 (sequence 2)
- Language
- German
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26 Moses Calvary: wie er es den Juden bewilligt hat, im Hause, in Märchen und Kinderlied die heimische Sprache zu gebrauchen, wenn sie sie nur im öffentlichen Verkehr verstecken wollten, um dafür in einer europäischen Weltsprache bessere Geschäfte zu machen. "Wenn dem Jiddischen gegenüber so sonderbare Haltungen angenommen werden, so liegt dem ein ganz bestimmter Eindruck zugrunde, der immer wieder in verschiedener Form zum Ausdruck kommt. Das Jiddische, hören wir, sei keine gebildete, nationale Sprache, es wird ein deutscher Dialekt genannt und mit dem Mecklenburgischen auf eine Stufe gestellt. Keine gebildete Sprache. Sie sei erstens unschön, und dann, das hören wir auch von Hebraisten, sei es unmöglich, sich in ihr wissenschaftlich auszudrücken. Der Vorwurf der Unschönheit richtet sich etwa gegen die Kehllaute, die wohl durch das Hebräische eingedrungen sind, aber sich doch auch in anderen, nicht semitischen Sprachen, wie dem Holländischen, dem Alemannischen gebildet haben. Hauptsächlich scheint jedoch der jiddische Tonfall unschön zu wirken. Wir wissen ja von den Gesetzen, nach denen sich in einem bestimmten Klima, oder bei einem bestimmten Volke ein Tonfall bildet, noch verschwindend wenig; aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß etwa hochdeutsche Sprachformen ihn wesentlich verändern würden. Nicht einmal die hebräische Sprache ist ein Gegenmittel: es ist mir in Palästina mehr als einmal begegnet, daß ein heißblütiger Gegner des Jiddischen mir in einer Diskussion ein Madua lo (warum nicht?) im schönsten jiddischen Tonfall entgegenwarf. Es ist überhaupt gewagt, eine Sprache als unschön zu verdammen. Von allen Romanen wird der dynamische Akzent der germanischen Sprachen als überaus unschön empfunden. Ich muß jedenfalls gestehen, daß ich dem jiddischen Geplauder von Frauen und Kindern oft genug in reinem Entzücken zugehört habe. Ernster mag der Einwand sein, daß das Jiddische keine wissenschaftliche Präzision gestattet. Es ist jedenfalls richtig, das Jiddische verleitet zu einer plauderhaften Geschwätzigkeit; es ist eben als literarische Sprache überaus jung. Wenn wir die griechische Sprache, die eine außerordentlich reine, von fremden Einflüssen wenig gestörte Entwickelung erfahren hat, zum Vergleich heranziehen, so steht die jiddische Prosa etwa auf der Stufe des Griechischen zu Beginn des 5. Jahrhunderts, bevor es durch die Sophisten geschliffen war. Es ist noch gar nicht so lange her, daß das Russische diese Stufe überschritten hat, und ein lebendiges Volkstum, das erst seine eigenen wissenschaftlichen Schulen hat, wird sich auch seinen wissenschaftlichen Stil schaffen. Gänzlich an der Oberfläche aber bleibt die immer wiederholte Auffassung des Jiddischen als eines deutschen Dialektes. Man argumentiert etwa, in den jiddischen Schulen dürfe so wenig Jiddisch gesprochen werden, wie in den mecklenburgischen Mecklenburgisch. Es ist aber noch gar nicht ausgemacht, ob die Durchführung des Schriftdeutschen, also einer hochdeutschen Sprache, in den niederdeutschen Volksschulen der niederdeutschen Kultur so unbedingt nützlich gewesen ist. Die Niederdeutschen erkennen immer mehr, wie viel eigenwüchsige niederdeutsche Kultur durch diese Aufoktroyierung des Schriftdeutschen gemordet worden ist. Nur daß eben hier auf der andern Seite ein Gewinn zu verzeichnen ist: die Möglichkeit des Verständnisses für die klassische deutsche Literatur, die nun einmal nicht niederdeutsch ist, und damit die Möglichkeit