Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Gedanken zum jetzigen Problem
Date
1916-04-01
Page
24 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101343--0040-3101408
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

24 Alfons Paquet: Gedanken zum jetzigen Problem unter jenen machen, die bisher nicht deutsch und nicht jüdisch-deutsch konnten, werden uns kaum entschädigen. Das Problem ist zum erstenmal ein großpolitisches geworden und damit in die trübe Atmosphäre äußerer, also auch feindlicher Mitbestimmungen eingetreten. Und in jenen Gebieten, die nun näher zu Deutschland gehören, ist auch zunächst nur schwache und schwebende Anknüpfung und Verbindung möglich, außer durch Wissenschaftliches und durch vereinbarte Schulen«, Das andere wäre Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, die aber nirgends von selbst entstehen kann, außer durch das Beispiel einzelner. * Mit der Macht eines Anpralles hat nun immerhin dieser Krieg die Deutschen und die Juden zusammengebracht und eine Lage geschaffen, die so tief wie nur irgend möglich in das Problem hineinführt- Es ist mehr als die Verdrängung Rußlands aus den von drei Millionen Juden bewohnten polnischen und litauischen Gebieten und die Frage: was wird jetzt aus diesen Juden werden? Was sind sie uns wert? Was rührt uns an ihnen? Was wollen sie von uns? Und wo beginnt für uns bei diesem Wollen die Möglichkeit einer Gefahr? Denn es ist seit einem Jahr der Ansatz gegeben zu einer Gesamtgestaltung des deutsch-jüdischen Verhältnisses, und von den Lösungen, die gefunden werden, wird nicht nur die gesamte Judenheit in ihrer Stellung zu uns berührt, sondern auch das deutsche Volk, das selbst in dieser Zeit die Frage über den Wert eines Bundesgenossen erheben muß, der es so vortrefflich versteht, Rechte aufzubauen und geltend zu machen; mit anderen Worten, eines vielleicht mächtigen, aber auch vielleicht unbequemen Bundesgenossen, der aber im Hinblick auf eine mögliche Gemeinsamkeit der Aufgaben im Orient an Gefährlichkeit verliert, an Nutzen dagegen gewinnt» * Vor allem vermag ich nicht zu glauben, daß uns in Deutschland eine jüdische Überschwemmung aus dem Osten bedrohe. Polen, auch ohne Rußland dahinter, hat eine große wirtschaftliche Zukunft. Der weitere Osten wird bald neuen Völkern Zeit und Raum und Leben bieten, dem jüdischen so viel wie anderen, wenn nicht mehr. Aus ihrem erfahrenen Wesen heraus sind die Juden mehr als andere Völker selbst die Gegner eines lauten Nationalismus, der sich unvorsichtig die Wege in die Welt verlegt; säe dürften aus dem Unglück Europas eine übrige Lehre gezogen haben. Dann muß es ihnen nicht schwer sein, der Türkei, die Herrin jener Zukunftsgebiete ist, Bürgschaften gegen einen voreilenden Nationalismus zu geben und dafür einen neuen Ansitz einzutauschen. Im übrigen wissen wir noch gar nicht, und kein Mensch kann es voraussagen, welcher Geist nun in jenen Juden des Ostens aufstehen wird, die heute noch den grauen Kaftan tragen und ihre gedrückten Seelen im Beth hamidrasch aufrichten. Das Eindringen des Westens zerreißt schon heute ihre Seelen. Es wird schließlich die Frage Gottes auftauchen. Vielleicht werden die Juden des Ostens das Problem des Europäertumes so radikal stellen wie bisher kein anderes Volk, kraft ihrer eingeborenen religiösen Unbedingtheit und der in ihr schlummernden Empörung gegen die jahrtausendelange Gottesknechtschaft. Es wird dort heißen: gläubig oder nicht gläubig; und davon wird letzten Endes alles abhängen, auch die Wahl der Bundesgenossen aus den großen Heerlagern der Welt. Aber in einem solchen Zwiespalt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.